Brüche und Ausbrüche

16. Oktober 2008, 20:39
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Der US-amerikanische Regisseur Lance Hammer entwickelt in seinem Langfilmdebüt "Ballast" mit knappsten Mitteln ein Familiendrama, das im besten Sinne an neorealistische Vorbilder gemahnt

Im Delta des Mississippi liegen die Häuser weit verstreut. Arme Menschen leben hier, es gibt wenig Erwerbsmöglichkeiten, der größte Teil der Bevölkerung ist afroamerikanisch und hat mit dem amerikanischen Traum nichts zu tun. In dieser Welt spielt Ballast, der erste abendfüllende Spielfilm von Lance Hammer. Zu Beginn stirbt ein Mann, zurück bleiben sein Bruder Lawrence und die unmittelbaren Nachbarn, der zwölfjährige James und seine Mutter Marlee.

Obwohl äußerlich nur ein Zaun ihre beiden Häuser trennt, verlaufen doch alle entscheidenden Linien des Films entlang dieser Grenze. Denn aus dieser räumlichen Konstellation entwickelt Hammer, der das Drehbuch geschrieben und dieses auf eine lange, beinahe ethnografisch zu nennende Recherche in der Gegend gegründet hat, eine komplexe zeitliche Struktur.

Der Todesfall zu Beginn ist das Ereignis, das entschlüsselt werden muss, das aber allmählich den Blick auf ein weiter zurückliegendes Trauma freigibt, das Marlee in ihrer unversöhnlichen Haltung festhält. Ballast entwickelt sich also aus einem Drama heraus. Das Protokoll der täglichen Verrichtungen, das der Film auch ist, schafft erst einmal so etwas wie lineare Zeit, Kontinuität in einer Welt der Brüche und Ausbrüche.

Kein typischer Fall

James ist dabei der privilegierte Zeuge, dem Lance Hammer vielfach folgt. Der Junge sucht seinen eigenen Weg, eine Weile sieht alles danach aus, als würde er sich Dealern anschließen und somit ein typischer Fall werden. Aber Hammer hat etwas anderes vor. Er beschreibt mit seinem Film eine therapeutische Bewegung. Der Todesfall erweist sich als reinigend in einem Sinn, der durchaus kathartisch im Sinn der klassischen Tragödie ist, hier aber eben am Eingang der Geschichte steht.

Lawrence besitzt immer noch einen Laden, den er mit seinem toten Bruder bewirtschaftet hat. Dieser Laden wird zum Streitobjekt in Ballast, weil sowohl Marlee als auch Lawrence darauf Anspruch haben und gleichzeitig ihre tiefen Verletzungen intensiv daran geknüpft sind. Sie laufen also Gefahr, die einzige Lebensform und die einzige Chance auf ein Auskommen in dieser Gegend aufs Spiel zu setzen, weil sie von den alten Geschichten nicht loskommen.

Ballast wurde mit Darstellern aus der Gegend gedreht, die Dialoge bekommen dadurch eine Authentizität, Übersetzung wird schwierig. Mit Lance Hammer und Ramin Bahrani (Chop Shop) kann die Viennale heuer zwei US-amerikanische Regisseure präsentieren, die nicht in allen Details, aber doch in einer grundsätzlichen Haltung an ein Ethos des Erzählens anschließen, das hinter alle Independent-Mätzchen zurückgeht und den Begriff Neorealismus rehabilitieren helfen könnte. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

18. 10., Gartenbau, 15.30
Wh.: 20. 10, Künstlerhaus, 21.00

  • Allmählich kommt nach einem Todesfall auch ins Leben des Zwölfjährigen James neue Bewegung – vorher muss noch biografischer Ballast abgeworfen werden.
    foto: viennale

    Allmählich kommt nach einem Todesfall auch ins Leben des Zwölfjährigen James neue Bewegung – vorher muss noch biografischer Ballast abgeworfen werden.

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