Lichter einer unwirklichen Stadt

16. Oktober 2008, 20:32
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V'08-Tagebuch, Teil 1: Angelika Reitzer über die Retrospektive "Los Angeles - Eine Stadt im Film"

Gleich wird die Taxifahrerin eine Casting-Agentin nach Beverly Hills fahren, sie raucht auf der Strecke geschätzte zwölf Luckies. Street Life aus dem Autoradio, Jackie Brown fährt zum Einkaufszentrum, gleich steigt der Deal. Vorbei an einer Frau im glitzernd silbernen Outfit, Jugendliche auf Laderampen, Clubs in abgefucktem Fabriksgelände, Wu-Tang Clan und Zeitlupe, auch Ghost Dog ist wieder unterwegs. Lagerhallen, Autohändler, Stretchlimousinen, Winkies.

Eine Stadt lernt man kennen, indem man geht. Flanieren heißt hier, in einer großen Limousine bei cooler Musik zu cruisen. L. A. ist keine Stadt für Fußgänger, und wer kein Auto hat, ist eigentlich tot. Existiert maximal als Immigrant, Illegaler, Obdachloser oder Verirrte/Verwirrte wie eine "Frau unter Einfluss" . Film dient doch auch zur Einübung der Wahrnehmung von Zeit und Raum als gesellschaftliche Dimension. Gertrude Stein sagt über das Kino, es sei "Raum von Zeit, der voller Bewegung" ist.

Die Drehbuchautoren und Filmmenschen, die in einer frühen Phase Hollywoods von New York nach Los Angeles kamen, brachten ein magisches, idealisiertes Bild von New York mit - einer für sie vertikalen Stadt mit sprühendem Straßen- und glamourösem Nachtleben. Mit der Stadt L.A. wusste die Filmindustrie nichts anzufangen, vielleicht galt der Zwischentitel aus The Salvation Hunters von Anfang der 1920er noch lange: "A city - like all others - stone, smoke and sometimes sun." Gegen die klassische Moderne führte Hollywood einen regelrechten Krieg: In den großartigen Gebäuden über der Stadt von Schindler, Koenig oder Lautner residieren zumeist Drogenbosse, Gangster und rechte Schurken.

Eine Stadt lernt man kennen über Filme. Die grandiose Filmgeschichte Los Angeles plays itself von Thom Andersen ist auch eine Geschichte des Kinos, zeigt die Stadt als Hintergrund, als Protagonistin und Star von und in Filmen. Erleichterung und Verwunderung über all die L.A.-Filme, die ich gesehen, und über all jene, die ich wohl für immer verpasst habe, wiewohl sie längst Klassiker (in welcher Kategorie auch immer) sind! "Mein" L.A. ist vor allem eines der 1990er (von Altman, Bigelow, Jarmusch oder Tarantino), interessant aber ist auch L.A.s (und Hollywoods) frühere Geschichte.

Stummfilme und Stadtentwicklung liefen parallel, mit dem Aufkommen der Tonfilme verschwindet die Stadt als indirekter Gegenstand erst einmal von der Bildfläche, wird bis auf weiteres eine beliebige Kulisse. Ein kollektives Gedächtnis wie in anderen viel gefilmten Metropolen scheint nicht zu existieren, so wurden zum Beispiel in den Jahren der Wirtschaftskrise über eine Million Menschen deportiert, weil sie mexikanisch aussahen.

Los Angeles, so Andersen, existiert im Film nicht in der Gegenwart, spielt immer in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Die Zusammenschnitte zum inflationären Gebrauch mancher Locations sind nicht nur witzig und aufschlussreich, sondern stellen auch die Bilder, die sie herstellen, gleich wieder infrage: Aus all den Images von/in/über L.A. wird eine komplett eingebildete Stadt mit einer eingebildeten Gesellschaft; Los Angeles ist nie wirklich, nicht einmal im Film.

Zu Angelo Badalamentis symphonischer Dichtung gleitet der Wagen den Mulholland Drive hinauf. Es geht dabei vor allem um das Gefühl der Bewegung, und es ist wohl wahr: L.A. ist eine wunderschöne Stadt. Nachts und aus großer Entfernung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

 

Über die Autorin:
Angelika Reitzer ist Schriftstellerin und lebt in Wien. Zuletzt erschien "Frauen in Vasen" (Haymon Verlag). Für den Standard begleitet sie die Viennale mit einem Tagebuch.

  •  Los Angeles plays itself von Thom Andersen
    foto: filmmuseum

    Los Angeles plays itself von Thom Andersen

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