Zwischen Geld und Gefühlen

16. Oktober 2008, 20:21
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Christian Petzolds "Jerichow": Dichtes Drama um Liebe und andere Abhängigkeiten

Jerichow erzählt von einer Dreiecksgeschichte zwischen dem Gelegenheitsarbeiter Thomas (Benno Fürmann), dem Geschäftsmann Ali (Hilmi Sözer) und dessen Ehefrau Laura (Nina Hoss). Sie spielt in einer strukturschwachen Region im Osten Deutschlands, irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Im Frühjahr setzt sie ein mit den Bildern einer Beerdigung; im Hochsommer endet sie mit einer Totale auf Küste und Meer. Schwarzer Qualm steigt hinter einer Steilklippe in den Himmel.

Geld und Gefühle

Dazwischen entspannt sich ein Drama, wie man es aus Luchino Viscontis Ossessione (1943) oder aus Tay Garnetts The Postman Always Rings Twice (1947) kennen kann. Eine junge Frau ist mit einem älteren Mann des Geldes wegen verheiratet, ein mittelloser Drifter kommt des Weges, zwischen den beiden beginnt eine Affäre, ein Mordplan wird geschmiedet.

Geld und Gefühle sind untrennbar miteinander verbunden: ein Lieblingssujet des Melodrams. Eine undurchdringliche Frau wird von krimineller Energie getrieben: ein Lieblingssujet des Film Noir.

Das alles legt nahe, dass sich Jerichow in einer geschlossenen Kunstwelt bewegt, in einer Welt zweiter Ordnung, wo nichts dem Zufall überlassen ist und die Regeln des Genres über denen der Wirklichkeit stehen. Das stimmt aber nur zur Hälfte. Denn Petzold mag sich zwar durch die Filmgeschichte, durch Versatzstücke von Film Noir und Melodrama bewegen, doch genau in diesem Rahmen gelingen ihm erstaunliche Formen dichter Beschreibung.

Einmal etwa, am späten Abend, ist Ali betrunken, während Laura und Thomas im Flur nicht an sich halten können. Die Tür zum Schlafzimmer ist noch offen, dementsprechend heimlich, unterdrückt, lautlos gerät die Begegnung. Sie findet keine Erfüllung, sondern nur neuen Aufschub. Die Leidenschaft, die Anspannung werden plastisch, als Laura ihren Mund von Thomas' Handballen löst - darin eingeprägt sieht man, klar, rot und tief, den Abdruck ihrer Zähne.

Petzold hat das Talent, hochartifizielle Erzählanordnungen zu verdichten und sie dann wieder über kleine Gesten zu erden, und er legt diese Gabe auch dort an den Tag, wo er Gesellschaftliches in den Blick nimmt. Wie sieht es in einem Arbeitsamt aus, das, mit Glück, Gelegenheitsjobs vermittelt, aber längst schon keine Festanstellungen mehr? Erstaunlich freundlich, licht und hell.

Arbeitshaltung

Und wer wüsste zu sagen, wie heutzutage Gurken geerntet werden? Mithilfe eines Fahrzeugs, das "Gurkenflieger" heißt. Ein Traktor in der Mitte, daran angebracht sind, Flügeln ähnlich, Liegeflächen, darauf wiederum liegen die Erntehelfer, eine Armlänge vom Boden entfernt. Während das Gefährt langsam das Feld durchmisst, tasten die Hände nach Gurken, reißen sie aus und legen sie auf ein Förderband. Die Köpfe der Erntehelfer ragen dabei über den Rand der Liegefläche hinaus.

Weil Petzold diesen Prozess in mehreren, langen Einstellungen einfängt, gewinnt man eine Vorstellung vom Preis dieser Arbeit, eine Vorstellung von den Verspannungen und Schmerzen, die diese Haltung im Nacken und in den Schultern auslöst. (Cristina Nord / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

18. 10., Gartenbau, 20.30
Wh.: 20. 10., Künstlerhaus, 11.00

Zusatzvorstellung: 20.10., 18:30, Künstlerhaus

  • Thomas (Benno Fürmann, li.), Ali (Hilmi Sözer) und die Frau, um die sich alles dreht: Nina Hoss als Laura in "Jerichow"   
    foto: viennale

    Thomas (Benno Fürmann, li.), Ali (Hilmi Sözer) und die Frau, um die sich alles dreht: Nina Hoss als Laura in "Jerichow"

     

     

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