Heute hier, morgen fort

16. Oktober 2008, 20:07
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Die Viennale ehrt den großen US-Popkünstler Bob Dylan mit einem Tribute. Wie kein anderer legte er als Gründervater der Popkultur origineller Prägung immer Wert auf Distanz

Und darauf, nicht verfügbar zu sein.


Zu den grundlegenden Fragestellungen der Popkultur gehört zweifellos jene, wie sehr sich Person und Autor, Fiktion und Leben, Fakt und Figur entsprechen, decken, überschneiden. Wo ein Schriftsteller mit Identitäten, Meinungen, eventuellen Blödheiten und Verstiegenheiten spielen und sein Publikum vorführen kann, tut sich ein Sänger im Gegensatz dazu ungemein schwerer. In seiner Person sucht man während des Vortrags auch nach jener Wahrhaftigkeit, die sich nur zum Teil in den Liedern selbst erschließt.

Bob Dylan sah sich zeit seiner Karriere als erster Popsänger, der sein Material vorzugsweise selbst verfasste, mit diesem Themenkomplex konfrontiert. Inzwischen sind einige Festmeter Sekundärliteratur zu seiner "Person" erschienen. Artikel, die uns sagen wollen, was Dylan wirklich mit seiner Kunst meint, gehören zur Königsdisziplin der Popreflexion. Und aktuelle Alben wie die, eigene ursprünglich verworfene Arbeiten klug neu editierenden, soeben erschienenen Bootleg Series Volume 8: Tell Tale Signs reißen neue Schlaglichter in einen historisch bis heute unvergleichlichen, überbordenden, ja maßlosen Werkkatalog.

Wie die aktuelle Ausgabe des Erwachsenen-Musikmagazins Uncut jetzt anhand von Interviews mit ehemaligen Mit- und Mietmusikern zur Klärung des Rätsels beitragen will, ist es Dylan - auch das möglicherweise ein Rollenspiel - herzlich egal, wie er rezipiert wird: "Fakt ist, ich habe einen Song von mir niemals zweimal gleich gespielt. Ich mache das nicht."

Sozusagen als der Welt erster Autorenpunk nahm er schon früh seine singuläre Position im Geschäft auch in der von Pop nicht abkoppelbaren Filmwelt auf sympathisch grummeliger Metaebene wahr - und ließ sich 1965 von Regisseur D. A. Pennebaker während einer England-Tournee filmisch dokumentieren: Don't Look Back.

Die Kamera, scheinbar in diesem Film immer ganz nah dran am jungen Genie. Sie zeigt einen störrischen und sich zynisch wie desinteressiert gebenden Künstler, der exakt nichts von sich preisgibt, was nicht im unmittelbaren Kontrollbereich der Bühne liegt.

Unmittelbarkeit, eine gern geforderte Disziplin des Dokumentargenres, wird hier von vornherein für obsolet erklärt - ganz im Sinne des von Dylan verehrten Andy Warhol. Das mag dem Regisseur und dem Seher zwar nicht auffallen. In die während seiner späteren Jahre noch intensivierten Spiele mit seiner öffentlichen Präsenz und der Inszenierung eines Mannes, der zwar da, aber niemals greifbar ist, bildet diese Dokumentation heute allerdings erhellende Einblicke. Wer Dylan hier sieht, weiß mehr von der verächtlichen Wegwerf- und Verweigerungshaltung des Punk, als es uns spätere Nahansichten der Sex Pistols oder Joe Strummers vermitteln können. Barmherzigkeit findet nur in den Liedern statt. Der Rest besteht aus der Vermeidung von Blödheit und der Absage an gängige Vorstellungen von sozialer Intelligenz.

Neben Martin Scorseses 2005 entstandener Dokumentation No Direction Home, in der es trotz Beteiligung Dylans im Wesentlichen um dessen Abwesenheit und Nichtverfügbarkeit als künstlerische Grundhaltung geht, bildet im Rahmen dieses Viennale-Tributs der Vierstünder Renaldo & Clara die Mitte. Dylans einzige Regiearbeit, 1978 von der Kritik wie vom Publikum gnadenlos abgelehnt, liegt bis dato im Gegensatz zu ebenfalls gezeigten Filmen wie Sam Peckinpahs Pat Garrett and Billy The Kid, Masked and Anonymous von Larry Charles oder I'm Not There von Todd Haynes nicht auf DVD vor und wird nur selten gezeigt.

Dabei versucht sich Dylan erst- und letztmalig als Regisseur und Drehbuchautor. Aus heutiger Sicht scheitert er in seinem Unterfangen, Bob Dylan und die Vorstellung von "Bob Dylan" mit einer rekordverdächtigen Anzahl von Close-ups auf Kollisionskurs zu bringen und das Ganze mit Handkamera zu filmen, zwar grandios.

Aber wie hier Welt und die Vorstellung davon im Rahmen einer Mitte der 1970er-Jahre unternommenen Tournee aufeinanderprallen, wie hier scheinbar Authentisches auf möglicherweise inszenierte Realität kracht und von Co-Drehbuchautor Sam Shepard im Film für den Film mit- und vor- und umgeschrieben wird, das gibt jenen Stoff her, den uns Diedrich Diederichsen im Rahmen seiner Betrachtungen zu Renaldo & Clara am 22. 10. im Rahmen einer Lecture geben wird. Tags zuvor erzählt Dylans Ex-Keyboarder Garth Hudson von The Band, wie Dylan elektrisch wurde. Eine Hochzeit für alte Buben, die zu Hause einige Festmeter Dylan horten. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

 

  • "I'm not there." Der Mann, der vorgibt, "Bob Dylan" zu sein: Bob Dylan, Autorenpunk, Verweigerer, Kunstfigur, Erfinder der Postmoderne, Hausfrau und Mutter, Sänger, Nichtsänger. Whatever.   
    foto: viennale

    "I'm not there." Der Mann, der vorgibt, "Bob Dylan" zu sein: Bob Dylan, Autorenpunk, Verweigerer, Kunstfigur, Erfinder der Postmoderne, Hausfrau und Mutter, Sänger, Nichtsänger. Whatever.

     

     

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