"Die Schule ist eine Fabrik der Gesellschaft"

16. Oktober 2008, 19:55
posten

Der prämierte Viennale-Eröffnungsfilm "Entre les murs" lotet die Dynamik einer multikulturellen Schulklasse aus - Regisseur Laurent Cantet und Autor/Darsteller François Bégaudeau im Interview

Das Gespräch führte Dominik Kamalzadeh.

Standard: M. Bégaudeau, Sie sind Lehrer, nun spielen Sie auch einen. War es schwierig, diese Rolle plötzlich neu zu verkörpern?

Bégaudeau: Eigentlich empfand ich es nicht als sehr fremd, denn als Lehrer spielt man auch schon eine Rolle: Man ist immer Schauspieler. Die Klasse ist ein Bühne, die man vor Jugendlichen betritt. Wenn dann noch eine Kamera hinzukommt, ist der Unterschied eigentlich nicht mehr so groß.

Standard: Die Klasse im Film ist ethnisch sehr durchmischt, es gibt zahlreiche Konflikte deswegen. Haben Sie in einer ähnlichen Schule unterrichtet?

Bégaudeau: Ich komme aus einer Schule, die noch heterogener war. Die Schüler waren noch desozialisierter, insofern war es noch schwieriger zu unterrichten. Es war in einem Viertel von Paris, das etwas weniger bürgerlicher ist als jenes der Schule des Films.

Standard: M. Cantet, Sie arbeiten das erste Mal mit Amateuren in diesem Film. Haben Sie sich auch ein wenig wie ein Lehrer gefühlt?

Cantet: Nein, ich wäre auch zweifellos ein schlechter Lehrer. Alle Teenager sind in gewisser Weise Studenten: Sie haben ihre jeweiligen Erfahrungen, egal, ob sie nun geschauspielert haben oder nicht. Das macht es spannend, mit Laiendarstellern zu arbeiten. Es geht ja nicht darum, ihnen zu erklären, etwas zu tun, sondern darum, dass sie mir etwas von sich erklären.

Standard: Sie hatten gar keine Probleme mit der Disziplin?

Bégaudeau: Ich war ja auch da!

Cantet: Ich kannte die Schüler sehr gut, weil wir über ein ganzes Jahr hinweg jeden Mittwoch in der Schule verbracht haben. Sie waren sehr interessiert an unserer Arbeit. Natürlich ist es vorgekommen, dass sie müde wurden, wenn es technische Schwierigkeiten gab. Aber das werden professionelle Schauspieler auch. Nach Zehn-Minuten-Pausen kamen sie voller Energie zurück.

Standard: Der Film spielt fast ausnahmslos im Klassenzimmer und schöpft daraus ungewöhnlich viel Dramatik. Wie sind Sie zu diesem Konzept gekommen?

Cantet: Mich hat vor allem die verbale Konfrontation zwischen Lehrern und Schülern interessiert - eine Art Tennismatch mit Wörtern, das uns im Raum hin- und herbewegen lässt. Ich wollte mich auf eine kleine Welt konzentrieren, die zwischen Mauern eingeschlossen ist, die jedoch auch von äußeren Einflüssen durchwirkt ist, sie gewissermaßen reflektiert. Die Schule funktioniert wie eine Lupe. Sie ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft oder vielmehr: eine Fabrik der Gesellschaft.

Standard: Eine der zentralen Episoden ist jene von Souleymane, einem Jugendlichen, der sich der Autorität des Lehrers komplett verweigert. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Bégaudeau: Derart krass habe ich es nie erlebt. Doch es gab zwei Momente während meiner Laufbahn, in der es zu vergleichbaren Konflikten gekommen ist, aber es war nie so gewalttätig. Es ist wichtig zu sagen, dass dieser Fall nicht repräsentativ für die französische Schule ist. Ich musste nie Angst haben, physisch bedroht zu werden. Im Film erhält man den Eindruck, dass dies knapp bevorsteht.

Standard: Souleymane wird bestraft, indem man ihn von der Schule weist. Drückt sich in dieser Aktion nicht auch das Versagen der Institution aus?

Bégaudeau: Um ehrlich zu sein, dies ist eine Frage, auf die es eigentlich keine richtige Antwort gibt. Ich habe keine andere Meinung als jene, die im Film geäußert wird. Man muss diesen Jugendlichen wahrscheinlich tatsächlich aus der Schule werfen, auf der anderen Seite bleibt dieser Schritt eine inadäquate Reaktion auf sein Verhalten. Keine der beiden Seiten hat recht. Man kann nicht zu hart sein, man darf aber auch nicht zu weich sein. Und es ist ein Fehler, sich wie ein Elternteil zu verhalten, das alles bereitwillig vergibt.

Standard: Woran liegt das? Am Konzept der Schule - oder sind gewisse soziale "Kollateralschäden" einfach unvermeidlich?

Bégaudeau: Wenn man einen Film macht, dann versucht man einen Beobachterstandpunkt einzunehmen. Natürlich haben wir ein multikulturelles Feld vor uns. Es ist klar, dass es interkulturelle Konflikte gibt. Wenn man sich solche Konflikte in fiktiveren Szenarien ansieht, etwa in Scorsese-Filmen, dann ist das nahe an Folklore. In Wahrheit kommen die unterschiedlichen Ethnien sehr wohl miteinander aus. Am Ende des Tages gibt es viele Freundschaften.

Cantet: Ich kann ein Beispiel geben. Es gab eine Szene während der Workshops, da nannte Esméralda Khoumba einen dreckigen Nigger, Khoumba schlug mit einer ähnlichen Beschimpfung zurück, aber dann lachten beide darüber. Sie haben ihre eigenen Spielregeln, ihre eigene Form der Integration entwickelt.

Standard: Der Lehrer ist umgekehrt eine Figur, die den Ausgleich sucht, auf durchaus demokratische Weise.

Bégaudeau: Ich stimme mit mir selbst überein. (lacht) Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, einen perfekten Lehrer zu spielen. Laurent ging es vor allem darum, Lösungen in Zweifel zu ziehen. Wir haben kein Remake von Der Club der toten Dichter gemacht, mit einem Lehrer, der alle Kinder verzaubert. Im Zentrum stehen schon auch die Schwächen: Es ist zwar nicht so, dass ich mein Alter Ego nicht mag, aber er verstrickt sich in Widersprüche. Er ist menschlich.

Cantet: Man muss schon sagen, dass François' Position ziemlich einzigartig ist. Er versucht ein System zu installieren, das beiden Seiten ähnliche Rechte zugesteht. Nur wenige Lehrer sind bereit, ein solches Risiko zu nehmen. Er repräsentiert keinen Trend, sondern eine individuelle Position, die nur wenige andere mit ihm teilen. Deswegen war ich auch so froh, dass er selbst die Rolle übernimmt.

Standard: Inwieweit waren die Szenen ausgearbeitet?

Cantet: Wir hatten kein fertiges Drehbuch, allenfalls wurden bestimmte Szenen festgeschrieben - etwa wenn Souleymane mit seiner Mutter vor das Komitee kommt, das über seinen Verbleib in der Schule entscheiden soll. Ich wollte ihn in dieser Szene von seiner Mutter beschrieben haben. Er muss jedoch ihre Worte aussprechen, weil sie kein Französisch spricht. Das hat etwas Grausames, aber auch sehr Treffendes. Ein Schlüsselmoment der Produktion war, als wir entschieden haben, dass François die Rolle spielt. Da wussten wir, dass der Film seine Form quasi von selbst annimmt.

Standard: Entre les murs ist in vielerlei Hinsicht das Gegenmodell zu Être et avoir, Nicolas Philiberts sehr erfolgreichem Film über eine Grundschule am Land.

Cantet: (zögerlich) Ich hatte nie große Sympathien für diesen Film. Der Lehrer in Être et avoir repräsentiert für mich eigentlich genau das, was ich an solchen Figuren nicht mag. Er nutzt seine Macht aus.

Bégaudeau: Ich stimme Laurent zu. Was mich an dem Film störte, war seine nostalgische Sicht auf ein Schulmodell, das schon gar nicht mehr existiert. Natürlich steht es Philibert frei, darüber einen Film zu machen. Vielleicht ist es weniger der Film als die Reaktion des Publikums darauf, die mich irritiert hat. Er war immens erfolgreich, ähnlich wie Die fabelhafte Welt der Amélie oder unlängst Bienvenue chez les Ch'tis: Ich bin verstört von dieser Faszination der Franzosen für alles Nostalgische.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

17. 10., Gartenbau, 23.00

Zusatzvorstellung: 18.10., 18:30, Künstlerhaus

  • "Der Lehrer versucht ein System zu installieren, das beiden Seiten ähnliche Rechte zugesteht."  – Autor und Hauptdarsteller François Bégaudeau als demokratischer Mittler in Laurent Cantets mit der Goldenen Palme ausgezeichnetem Film "Entre les murs". Zur Person:François Bégaudeau, geb. 1971 in Luçon, ist Lehrer, Journalist und Autor mehrerer Bücher (u. a. Entre les murs, Un démocrate, Mick Jagger). Für Le Monde schreibt er überdies Fußballkolummen.  
    foto: viennale

    "Der Lehrer versucht ein System zu installieren, das beiden Seiten ähnliche Rechte zugesteht."  – Autor und Hauptdarsteller François Bégaudeau als demokratischer Mittler in Laurent Cantets mit der Goldenen Palme ausgezeichnetem Film "Entre les murs".

    Zur Person:
    François Bégaudeau, geb. 1971 in Luçon, ist Lehrer, Journalist und Autor mehrerer Bücher (u. a. Entre les murs, Un démocrate, Mick Jagger). Für Le Monde schreibt er überdies Fußballkolummen.

     

     

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zur Person:
    Laurent Cantet, geb. 1961 in Melle und Sohn zweier Lehrer, studierte an der Pariser Filmschule IDHEC. Bereits sein erster Kurzfilm, Tous à la manif, erhielt den Jean-Vigo-Preis. Mit Ressources humaines und L'emploi du temps, die zeitgenössische Arbeitswelten behandeln, gelang ihm der Durchbruch. Entre les murs ist der erste französische Film seit 21 Jahren, der die Goldene Palme gewann.

     

     

     

Share if you care.