Gutachten soll Licht in Causa Berger bringen

16. Oktober 2008, 19:35
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Der ehemalige Invest­mentbanker Michael Berger, dem in den USA Täuschung von Anlegern vorgeworfen wird, sitzt seit gut einem Jahr in U-Haft. Nun wird an einer Anklage gearbeitet

Wien - Michael Berger, der sein Glück als US-Investmentbanker versucht hat, sitzt seit knapp 16 Monaten in Untersuchungshaft im Wiener Straflandesgericht. Nun wird hektisch an einer Anklageschrift gearbeitet, denn die Zeit drängt. Eine Untersuchungshaft kann nämlich maximal zwei Jahre dauern, dann muss eine Anklage erfolgen - oder der Häftling entlassen werden.

Rund sechs Monate haben die Behörden daher noch Zeit, eine Anklage auf den Weg zu bringen. "Relativ bald" soll es soweit sein, heißt es aus der Staatsanwaltschaft. Laut Bergers Anwalt, Jürgen Mertens, versuchen die hiesigen Behörden, dem einstigen Investmentbanker Täuschung und Bereicherung nachzuweisen, es gilt die Unschuldsvermutung.

Gutachterin für den Überblick

Damit Dynamik in die Sache kommt, wurde jetzt auch eine Gutachterin bestellt. Unternehmensberaterin Edith Steinbauer soll sich nun einen Überblick über die Causa verschaffen. Dafür müssen zehntausende Seiten der "Akte Berger" durchforstet werden.

Kein leichtes Unterfangen, wie Mertens dem Standard erklärte: "Erst 20 Prozent der Unterlagen sind vom Englischen ins Deutsche übersetzt, zudem fehlen noch viele Unterlagen der Fondsbank." Mertens bezweifelt, dass ein Gutachten in sechs Monaten erstellt werden kann und hat die Bestellung von Steinbauer beeinsprucht.

Was den heute 36-jährigen Berger hinter Gitter gebracht hat: Der gebürtige Salzburger hat 1996 in New York den Hedgefonds "Manhattan Capital Fund" gegründet und eifrig Geld eingesammelt. Satte 575 Mio. Dollar (426 Mio. Euro) hat Berger von Investoren und Banken übertragen bekommen. Mit diesem Geld hat Berger während der Dotcom-Blase gegen Internet- und Technologiewerte spekuliert. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 war das Geld verloren, Berger stand vor Gericht.

Vorwurf der Täuschung

Berger wurde vorgeworfen, Investoren über die Performance seines Manhattan Investment Fund getäuscht zu haben. Er soll Performancewerte geschönt und auch verfälschte Werte an Wirtschaftsprüfer weitergeleitet haben. Vor dem US-Gericht hat Berger in einem ersten Verfahren ein Geständnis abgelegt. Später, als es um die Bestimmung seiner Strafe ging, hat Berger seine Aussagen dementiert und auf nicht schuldig plädiert. Die Begründung seiner damaligen US-Anwälte: Er leide unter mentalen Störungen und sei bei seiner Einvernahme nicht zurechnungsfähig gewesen.

Bei der Urteilsverkündung im März 2002 erschien der Banker nicht mehr. Er war bereits nach Österreich geflohen und wurde seitdem gesucht, unter anderem von der Bundespolizeibehörde FBI, auf dessen "Most Wanted"-Liste Berger einst stand.

In Österreich lebte Berger, so erzählt es sein Anwalt, zurückgezogen und in bescheidenen Verhältnissen. Gewohnt hat er bei den Eltern. Ein Verfahren gegen ihn soll angestrebt, aber nicht intensiv verfolgt worden sein.

Bis zur Verhaftung am 9. Juli 2007. Berger wurde in den Abendstunden auf der Westautobahn in Höhe Seewalchen festgenommen und sitzt seither in U-Haft. Gemunkelt wird, dass ihn ein Bekannter beim FBI verpfiffen haben soll.

Anträge auf Enthaftung abgewiesen

Laut Mertens hat das Gericht bereits mehrere Anträge auf Enthaftung wegen "Fluchtgefahr" und "Tatbegehungsgefahr" abgewiesen. Die Fluchtgefahr könne er ja noch verstehen, sagte Mertens zum Standard. Aber die Tatbegehungsgefahr (darunter subsummieren Juristen die Möglichkeit, dass jemand eine Tat erneut begehen könnte; Anm.) sei "ein Witz". Wer solle Berger denn jetzt noch Geld zum Veranlagen übertragen?

Österreichs Banken zumindest haben einst an Berger geglaubt. Sie haben Geld bei ihm veranlagt und hofften auf große Gewinne. Bank Austria, Erste Bank, die RLB-NÖ-Wien und die Bawag haben bei Berger Geld verloren. Allein die Bank Austria soll 20 Millionen Euro investiert haben.

Die Bawag hat 1998 und 1999 in fünf Tranchen über das Finanzierungsvehikel Cromer Finance Inc. (eine damalige 100-Prozent-Tochter der Bawag mit Sitz in Tortola auf den British Virgin Islands) rund drei Millionen Dollar an Berger überwiesen. Genug Geld, dass die Bawag veranlasst war, damals im Namen von Cromer Finance eine Sammelklage gegen Berger einzubringen. Denn als Berger im Jahr 2000 mit seinem Fonds in die Pleite geschlittert ist, waren 400 der 575 Mio. versenkt - die US-Börsenaufsicht hat eine Anklage wegen Anlagebetrugs erstattet. Einen Teil ihrer Verluste haben die Banken aus dem restlichen Fondsvermögen rückerstattet bekommen.

Warten auf Bear Stearns

In die Causa verwickelt ist auch die ehemalige US-Investmentbank Bear Stearns, die heuer im März im Zuge der Finanzkrise von der US-Notenbank Fed gerettet werden musste. Bei Bear Stearns wurden die Gelder des Berger-Fonds verwaltet, die Pleite kam der Bank teuer zu stehen. 125 Mio. Dollar musste Bear Stearns an geprellte Anleger zahlen. Das hatte ein US-Gericht entschieden. Begründung: Die Bank habe die Daten des Hedgefonds nicht ausreichend geprüft. Die Kontodaten von Bear Stearns liegen Berger und seinem Anwalt noch immer nicht vor.(Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

 

  • Der gebürtige Salzburger hat 1996 in New York den Hedgefonds "Manhattan Capital Fund" gegründe.
    foto: standard

    Der gebürtige Salzburger hat 1996 in New York den Hedgefonds "Manhattan Capital Fund" gegründe.

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