Reflexionen in fünf Spalten

16. Oktober 2008, 19:08
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DER STANDARD als Ort und Gegenstand einer Ausstellung: "Columns" in der Aula der Wiener Akademie der Bildenden Künste

Wien - Hochhäuser und Türme schwingen. Ein Umstand, den man nur allzu gern vergisst. Dennoch ist diese ebenso wenig spürbare wie mit bloßem Auge sichtbare Flexibilität statisch notwendig. Zugegeben, die Schwingungen des Turms aus aufgespießten STANDARD-Exemplaren in der Ausstellung Columns waren minimal größer. Im Rahmen eines Gedankenspiels ist das aber reine Formsache.

Denn dieses Schwingen erinnert auch daran, dass der STANDARD ein Produkt mit der notwendigen stabilen Flexibilität ist, zu der seit 20 Jahren täglich unzählige sich verzahnende Rädchen beitragen. Das aktuelle Jubiläum gab den Anstoß zur Idee, in Kooperation mit der Kunstakademie junge Künstler zu einer Auseinandersetzung mit dem STANDARD zu bitten.

Ein Semester lang stellten Anette Freudenberger und Lucie Stahl gemeinsam mit Studenten die Fragen nach diesen Rädchen im Medium: nach den strukturellen wie inhaltlichen Produktionsbedingungen, nach der Definition von Aktualität, der Vermittlung von Information und dem Schaffen von Bedeutungszusammenhängen. Sie hinterfragten Entscheidungsfindungen, Filtern von Nachrichten sowie deren optische Darstellung. Schön an dieser Form des Diskurses war, dass man sich nicht an das rosa Papier kettete, sondern grundlegende mediale wie philosophische Fragen stellte. So etwa: Wie schwer ist es, das Reale zu berühren?

Beziehungsgeflecht

Inzwischen haben die Überlegungen in Kunstwerke gemündet, die nun an zwei Orten ausgestellt werden: Der eine Teil visualisiert sich ab Ende Oktober in Form von gestalteten Zeitungsseiten innerhalb des STANDARD selbst, greift also in das Medium seiner Reflexion zurück. Der andere präsentiert sich in der klassischen Form einer Ausstellung in der Aula der Akademie der bildenden Künste.

Aber zurück zum Stapel, zur Säule, zur Column also, die Saskia Te Nicklin in den Raum gestellt hat. Diese korrespondiert dort eben nicht nur mit den Säulen der universitären Architektur, sondern auch mit dem "Layout" der Ausstellung. Dieses bezieht die fünf Raumachsen auf die üblichen fünf Spalten in der Zeitung. Weiters verweist man auf die eigene Funktion, sieht die jungen Studenten als Gastkommentatoren, die eine Spalte, ja eine Kolumne in der Zeitung zur Verfügung gestellt bekommen.

Te Nicklin kritisiert mit dem Stapel Trunk 6000 aber auch die Nebenwirkungen des Zeitungsmachens: Täglich fällt Makulaturpapier an. Niemand wird dieses Altpapier mehr lesen. Es erleidet, in die Höhe gestapelt und mit Metall durchbohrt, das gleiche Schicksal wie Marcel Broodthaers eingegipste Gedichte.

Das Papier steht auch in der Arbeit von Belén Rodríguez im Vordergrund: Eine Ebene ihrer Arbeit beschäftigt sich mit der Form und Struktur von Papier, die oft - man denke etwa an die Linierungen von Rechnungsbüchern - ihre Funktionalität mittransportieren. Rodríguez hat einen Kopierer mit Fäden bespannt: Der Kopiervorgang reduziert das dreidimensionale Gefüge zu einem zweidimensionales Stück Papier. Wenn alles funktioniert, sind es Sprache und Geschichte, die dem Papier in der Zeitung wieder zur Plastizität verhelfen. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10.2008)

Bis 26.10., im Anschluss in unregelmäßiger Folge im STANDARD - unter
derStandard.at/Columns

  • Aufgespießt: "Trunk 6000" von Te Nicklin
    foto: standard/urban

    Aufgespießt: "Trunk 6000" von Te Nicklin

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