Konzept+Konzern= Zeitgenössische Kunst

2. März 2003, 21:30
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Zur Sammlung zeitgenössischer Kunst des Automobilkonzerns DaimlerChrysler

Die Sammlung zeitgenössischer Kunst des Automobilkonzerns DaimlerChrysler umfasst derzeit rund 1000 Exponate. Und wird, betreut von Renate Wiehager, seit 1998 im Berliner Haus Huth in Wechselausstellungen präsentiert.


Berlin - Kunst und Kapital - ein zumindest konfliktträchtiges Thema. Mit der Entlassung des Künstlers aus den Fesseln konfessioneller oder politischer Vereinnahmung ist der finanzkräftige Sammler in das Blickfeld der Künstlerschaft getreten. Gerade in Zeiten der Globalisierung erscheinen multinationale Konzerne als Käufer besonders attraktiv.

Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert verfolgt DaimlerChrysler einen eigenständigen, nicht immer aber bodenständigen Kurs, was die abstrakt-konzeptuelle zeitgenössische Kunst betrifft. Am Anfang war, und so will es die firmeneigene Saga der damaligen Daimler-Benz AG in Stuttgart, das Bild - und mit ihm der Entschluss, sich weiter in Sachen Kunst zu engagieren. Mit dem Ankauf von Willi Baumeisters Ruhe und Bewegung wurde 1977 unter der Ägide von Edzard Reuter und Hans J. Baumgart eine mehr als deutliche Vorahnung der Werke gegeben, die da angekauft werden sollten.

Im Konzern selbst, der 1998 mit dem US-Automobilriesen Chrysler fusionierte, spricht man von einer "nicht expressiven Kunst". Soll heißen: Arbeiten der abstrakten und systematischen Moderne, aber auch Arbeiten von Künstlern, die in ihrer Arbeitsweise Wesenseigentümlichkeiten mit den Produktionsmethoden der Industrie aufweisen. Besonders stolz ist man auf Andy Warhols Serie Cars, eine durch den Tod des Künstlers unvollendete Auftragsarbeit, die als letzte Werkgruppe des Pop-Art-Künstlers gilt.

Der Quantensprung in Richtung Gegenwartskunst gelang 2000 mit der Verpflichtung der Kunsthistorikerin Renate Wiehager, die sich als Leiterin der Städtischen Galerie Villa Merkel in Esslingen internationale Anerkennung erworben hatte. Der Aufbau der Sammlung, die seit 1998 mit der "DaimlerChrysler Contemporary" im Haus Huth am Potsdamer Platz in Berlin eine loftartige, 600 Quadratmeter große Plattform für öffentlich zugängliche Wechselausstellungen gefunden hat, erfolgt dabei in Eigenregie der ausgewiesenen Kennerin reduzierter und konzeptueller Kunst.

Lediglich dem Finanzvorstand verpflichtet, kann sie ihre Tätigkeit weiterführen, respektive durch den finanziellen Background des Unternehmens (365.571 Beschäftigte und 149,2 Milliarden Euro Beschäftigte 2002) beträchtlich vertiefen.

Die Sammlung umfasst derzeit rund 1000 Arbeiten von 200 Künstlern, Klassikern wie Franz Erhard Walther, Sol LeWitt oder Daniel Buren ebenso wie von der offiziellen Geschichtsschreibung ignorierte Gründerväter der Konzeptkunst (Peter Roehr), jüngere Shootingstars wie Gerold Miller und die österreichischen Kapazunder Gerwald Rockenschaub und Heimo Zobernig, aber auch Newcomer wie Katja Strunz oder den Australier Stephen Bram.

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern ist die Gegenwartskunst und sind in diesem Zusammenhang - und im Gegensatz zur mehr theoretisch ausgerichteten Generali Foundation Wien - die klassischen Formen von Bild und Skulptur, erweitert in den multimedialen Bereich, Basis der Ausstellungspolitik Wiehagers:

"Ich verfolge und recherchiere wissenschaftlich zu der Frage, was interessiert die Kunst heute aus dem, was die 60er- und 70er-Jahre geprägt hat. Und ich sehe aus dieser Perspektive ganz andere Aspekte, als sie historisch sozusagen legitimiert sind. Mehr als die Heroes der Kunstliste von Capital interessiert mich die Backlist der jüngeren Kunstgeschichte."

Sammlung auf Reisen

Wiehager umreißt diesen Zusammenhang in der Ausstellungsreihe Minimalism and After oder auch in der Konfrontation mit den privaten Schätzen von Sammlerlegenden wie Paul Maenz oder Ileana Sonnabend. Und schickt die Sammlung auf Reisen: Im November feiert The DaimlerChrysler Collection im Detroit Institute for the Arts ihre Premiere in den USA.

Die Sammlung DC, im Jahr des Deutschen Herbstes ins Leben gerufen, verkörpert ein grundlegend verändertes Poltikverständnis der Gegenwart, ohne in die klassenkämpferische Attitüde der ewig gestrigen Alt-68er zu verfallen. Kunst heute, das ist nicht länger der "Schnörkel am Hintern des Kapitalismus".

Mit dem Engagement des Künstlers Mathis Neidhardt versucht Renate Wiehager schon im Vorfeld, "künstlerisch-ästhetische Denkweisen in unternehmerische Prozesse einzubinden, also ohne Vorzeichen firmenspezifische Prozesse aufzunehmen". Und wenn, wie die 2002 realisierte Installation Gelandet des Künstlers Auke de Vries im Luftraum über Berlin zumindest konzernintern für Kontroversen sorgt, so verweist dies eher auf die Projektion des Betrachters selbst.

Über Geld sollte man auch in einem "schwierigen Jahr, aber: mit Gewinn", wie in der Jahresbilanz des Konzerns steht, nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. "Der Betrag, den wir zur Verfügung haben, ist der Bedeutung des Unternehmens angemessen", formuliert es Renate Wiehager viel sagend. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.2.2003)

Von Stephan Maier

Service

DaimlerChrysler Contemporary, Haus Huth, Alte Potsdamer Straße 5, 10785 Berlin.

Täglich 11-18 Uhr, Eintritt frei.
Tel: +49 (0) 30 259 41-420

Link

www.collection. daimlerchrysler.com

  • Ein Unikat aus der DaimlerCrysler-Kunstsammlung: "Looking for Love (Christian Dior)" von Daniele Buetti, C-Print, auf Aluminium aufgezogen, 108 x 183 Zentimeter.
    foto: katalog

    Ein Unikat aus der DaimlerCrysler-Kunstsammlung: "Looking for Love (Christian Dior)" von Daniele Buetti, C-Print, auf Aluminium aufgezogen, 108 x 183 Zentimeter.

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