Frühsport rettete chinesische Schüler vor dem Erdbeben

26. Februar 2003, 22:07
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Zahlreiche Nachbeben haben die Zahl der Toten auf weit mehr als 300 erhöht- viele Schüler wurden durch glückliche Umstände verschont

Peking - Die Erde in Nordwestchina kommt nicht zur Ruhe. Nach dem schweren Beben am Montag, bei dem mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen waren, haben am Mittwoch weitere Erdstöße fünf Bewohner in der Region getötet. Chinesische Seismologen registrierten insgesamt 658 Erdstöße, die eine Stärke von bis zu 5,7 auf der Richterskala erreichten.

Besonders betroffen ist die Gemeinde Qiongkuer Qiake mit ihren in 25 Dörfern lebenden 33.000 Bauern tief in der von uigurischen Minderheiten bewohnten Wüstenregion der Provinz Xinjiang.

Lebensrettung

Allerdings gab es dort auch einen glücklichen Umstand, der vielen das Leben rettete: Hunderte Jugendliche der "Qiongkuer Qiake"-Mittelschule übten sich im Frühsport im Freien, als am Montag das Erdbeben einsetzte. Zentimeterbreite Risse taten sich im Boden auf. Die Wucht des Erdbebens war so groß, dass es die Schüler hinwarf. Wenig später brach hinter ihnen das Schulgebäude zusammen.

"Nur zehn Minuten später und wir wären wieder in den Klassen gewesen. Unvorstellbar, was dann passiert wäre", stammelte der Direktor angesichts des Trümmerhaufens, in den sich seine Schule verwandelt hatte.

In der 2800 Kilometer nordwestlich von Peking entfernten Provinz war es nach lokaler Zeit erst kurz nach acht Uhr, zu dieser Zeit beginnt der Schulunterricht. Für Tausende von Schülern wurde die frühe Zeit zu einem Glücksfall.

13 Grundschulen

"Unsere Schulen machen vor dem Unterricht Morgengymnastik. Fast alle waren noch draußen." So sei es zu erklären, dass unter den vielen Toten kaum Jugendliche sind, obwohl diese mit 9300 Schülern in den zwei Mittel- und 13 Grundschulen fast ein Drittel alle Gemeindebewohner ausmachen.

"Wir sind am schlimmsten betroffen" berichtet über Telefon Gemeindechef Ai Mir. Mehr als zwei Drittel der aus Lehm, Holz und Ziegeln erbauten Häuser seiner Gemeinde stürzten ein. In den Dörfern von Qiongkuer Qiake starben rund 90 Prozent aller bisher gemeldeten Toten.

"Wir brauchen noch mehr Zelte", sagte Ai Mir. Mehr als 5000 Obdachlose lebten schon in Zelten. Nachts herrschen Temperaturen unter null Grad. In Urumqi, der 1500 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Xinjiangs, koordiniert das Rote Kreuz die Hilfsmaßnamen. Lkw-Kolonnen fahren Zelte, Decken und Medikamente in die entfernte Region, unterstützt von Soldaten in Kompaniestärke.

Viele Verletzte können nur notdürftig an der Straße oder in hastig errichteten Sanitätszelten behandelt werden. Das Rote Kreuz sprach von 2060 Schwerverletzten. "Wir müssen mit steigenden Todeszahlen rechnen", sagte der uigurische Abteilungsleiter Imir.

Baufällige Häuser

Rund 7000 Bauernhäuser sind eingestürzt, fast doppelt so viele sind so baufällig, dass sie nicht bewohnt werden dürfen. Zehntausende Menschen seien obdachlos geworden.

Seit 1997 erlebte die an das Pamirgebiet grenzende Region, die unter der Spannung der aneinander stoßenden Kontinentalplatten Indiens und Eurasiens steht, 19 Erdbeben über Stärke 5. Ihre beiden großen Landkreise Jiashi und Bazhu mit ihren fast 700.000 Einwohnern, einst historische Plätze auf der Seidenstraße, sind erdbebenerprobt. Ihre Häuser sind verstärkt worden. Die bäuerliche Region um die Gemeinde Qiongkuer Qiake, die zwischen den beiden Landkreisen liegt, war von größeren Unglücken immer verschont geblieben. Diesmal traf sie die volle Wucht des Erdbebens unvorbereitet. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 27.2.2003)

Zwei Tage nach den verheerenden Erdstößen in der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang haben am Mittwoch Nachbeben die Zahl der Toten auf weit mehr als 300 erhöht. Wie sich inzwischen herausstellte, waren viele Schüler durch glückliche Umstände verschont geblieben.

Grafik
Zentrum des Bebens
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