"Basteln im Inneren des Menschen"

26. Februar 2003, 19:00
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Rechtsphilosoph Reinhard Merkel im STANDARD-Interview über therapeutisches Klonen und Moral

Wien - In Deutschland hat die zum Teil hitzige Debatte über "verbrauchende" Forschung an embryonalen Stammzellen neuen Schwung erhalten. Seit Jahresbeginn 2003 wird sie zwar betrieben, die Herstellung von embryonalen Stammzellen aber bleibt verboten. Und vor genau einer Woche hat sich schließlich der deutsche Bundestag für ein weltweites Verbot des Klonens ausgesprochen, sowohl für reproduktive als auch für therapeutische Zwecke.

In Österreich ist die Forschung prinzipiell erlaubt, wird aber zurzeit nicht durchgeführt. Klonen ist verboten. Vor der ersten Arbeitssitzung des Wiener Beirates für Bio-und Medizinethik am Dienstag fand ein öffentlicher Workshop zum Thema "Reproduktives Klonen versus therapeutisches Klonen" statt, bei dem unter anderem der deutsche Rechtsphilosoph und Autor Reinhard Merkel (Forschungsobjekt Embryo, bei dtv) über Ethik und Moral von Verboten des therapeutischen Klonens sprach. Er warf den Kritikern der "verbrauchenden" Forschung, den "Schützern des frühen Embryos" dabei Unmoralisches vor.

STANDARD: Was kritisieren Sie an den Schützern konkret?

Merkel: Diese hypermoralische Einstellung der Gesellschaft verwehrt Hunderttausenden schwer kranken Menschen eine Heilungschance. Therapie mit embryonalen Stammzellen ist ein Mittel, das zumindest Hoffnung auf Heilung bei Krebs und anderen schweren Leiden erweckt.

STANDARD: Sie glauben, dass das Klonen von Embryos zur Gewinnung von Stammzellen überall sein sollte?

Merkel: Ja, ich bin der festen Überzeugung. Und daher kommt auch die Schlussfolgerung, dass das Verbot unmoralisch ist. Denn: Wenn die verbrauchende Embryonenforschung erlaubt gehört, ist sie zugleich auch geboten. Schließlich ist das einzige Ziel dieser Forschung die therapeutische Hilfe für kranke Menschen. Das kategorische Verbot ist also unmoralisch.

STANDARD: Warum klammert sich die Gesellschaft aber dann am Verbot fest?

Merkel: Das Verbot hat schon Hintergründe, die man ganz ernst nehmen sollte. Es gibt ein bisher nicht hinterfragtes Menschenbild. Es lautet: Von Anfang bis Ende sind alle Menschen gleich geschützt. Da macht man aber schon die Augen vor den Problem bei der Abtreibung zu.

STANDARD: Die da wären?

Merkel: Man akzeptiert die Abtreibung, wird aber bei der Embryonenforschung hoch empfindlich. Wahrscheinlich ist es auch dieses Unbehagen mit dem Basteln: Dass dieses Basteln im Innersten des Menschen nicht sympathisch ist, verstehe ich sehr gut. Das entbindet mich aber nicht von der Pflicht, darüber nachzudenken. Sympathisch oder antipathisch ist kein Argument.

STANDARD: Wie soll man denn argumentieren in der Debatte?

Merkel: Auch das Vorhandensein anderer Positionen muss moralisch bedacht werden. Überfahren dürfen diese Menschen nicht werden. Uns steht daher eine unbedingt sensibel zu haltende öffentliche Diskussion bevor, die den Problembereich hoffentlich erhellt. Dabei müssen aber alle auch bereit sein, sich belehren zu lassen. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2003)

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