Graz: Thalia-Umbau wird Welterbe-Frage

27. Februar 2003, 00:29
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Die Türme in Wien-Mitte machen Schule: Bürger und Altstadtkommission kämpfen gegen ein Projekt rund um ein Baujuwel der 50er-Jahre

Seit Monaten kämpfen Bürger und Altstadtkommission gegen den Umbau der Grazer "Thalia" aus den 50er-Jahren. Nun macht der Kampf um die Türme in Wien-Mitte Schule: Die Kommission führt den Verlust des Titels Weltkulturerbe der Grazer Altstadt ins Treffen.

Modellbild: Hikerzegger
Höher oder doch nicht höher als die Grazer Oper: Die architektonische Freiheit beim Thalia-Umbau soll nicht in den Himmel wachsen, die Bauwerkshöhe soll vielmehr eine Frage der Welterbeverträglichkeit für Graz werden - eine Debatte nach Wiener Muster.

Graz - "Das ist einfach miserable Architektur, im städtebaulichen und im architektonischen Sinne." Wenn es darum geht, den Thalia-Umbau seines Kollegen Heiner Hierzegger zu kritisieren, ist der Grazer Architekt Volker Giencke nicht gerade zimperlich. Das denkmalgeschützte Ensemble aus den 50er-Jahren, das einst ein Kino, ein Café und eine Bar - samt drehbarer Tanzfläche und Nierentischchen - beherbergte, liegt seit Jahren brach und soll nun um ein Hotel und Proberäume für die Bühnen Graz erweitert werden. Letztere werden von der benachbarten Oper dringend benötigt.

Der Investor Acoton und die Stadt Graz entschieden sich nach einem Wettbewerb für das Projekt von Hierzegger, bei dem die Baumasse aus zwei Teilen besteht. Beratenden Status hatte dabei auch Landeskonservator Friedrich Bouvier, der nun an vorderster Front gegen den (bewilligten) Bau Hierzeggers kämpft.

Der Grund ist der vierstöckige Hotelaufsatz, der sich laut Kommission über die historische Substanz der flachen Thalia hinwegsetze. Außerdem würde die "charmante Situation des Vorgartens", wo einst Flamingos zwischen Hollywoodschaukeln stolzierten, durch eine Einkaufspassage "völlig vernichtet". Eine Bürgerinitiative sammelte in den vergangenen Monaten über 2000 Unterschriften gegen Hierzeggers Zubau, nun fürchtet man gar die Aberkennung des Unesco-Prädikates Weltkulturerbe für Graz. Die für die Unesco prüfende Icomos schätzt den Fall jedenfalls als Angelegenheit von "hoher Dringlichkeitsstufe" ein.

Heiner Hierzegger räumt gegenüber dem STANDARD ein, dass er den Auftrag sogar direkt bekommen hätte und selbst auf einem Wettbewerb bestanden habe. Außerdem sei das Gebäude nur 25 Meter hoch und nicht höher als die Oper, wie die Kommission behauptet. "Da gibt es entlang des Opernrings alte Häuser, die wesentlich höher sind", stellt Hierzegger klar. Hinter den harten Attacken vermutet er auch mögliche Eitelkeit oder Gekränktheit, nicht zum Wettbewerb eingeladen worden zu sein: "Aber die Art und Weise der Kritik ist die Frage. Die Zeiten der Fairness und Kollegialität sind wohl vorbei", bedauert Hierzegger.
(Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Printausgabe, 27.2.2003)

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