Vierte Gewalt zwischen den Fronten

26. Februar 2003, 18:09
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Wer ist schon gerne unpatriotisch? Vor einem möglichen Irakkrieg macht es diese Frage den US-Medien nicht gerade leicht, ihre Interessen abzuwägen

Washington/Wien - In ihrem Selbstverständnis als konstitutives Element der US-Gesellschaft ("vierte Gewalt") fühlen die amerikanischen Journalisten gewiss die Verpflichtung, ihrer Regierung kritisch auf die Finger zu sehen - doch in Bezug auf deren Irakpolitik ist ihre Arbeit alles andere als leicht. Der potenzielle Vorwurf, unpatriotisch zu agieren, hat dazu geführt, dass sich nicht nur viele Kongressabgeordnete - und viele davon zähneknirschend - hinter George W. Bush eingereiht haben, sondern auch die meisten Mainstream-Medien mit der Regierung Bush recht sanft umspringen.

Dennoch ist die Bandbreite der öffentlichen Meinungsäußerungen zu groß, als dass sich die These einer alle Meinungen gleichschaltenden Washingtoner Konsensmaschinerie halten ließe, wie sie Bush-Kritiker wie Noam Chomsky verfechten.

Martialischer Murdoch

Überaus martialisch gehen etwa die im Eigentum des amerikanisch-australischen Tycoons Rupert Murdoch stehenden Medien zu Werk: Dazu zählen die New York Post oder Fox-TV, das mit seinen Zuschauerzahlen CNN in den USA überrundet hat. Paul Krugman hat unlängst in einer seiner New York Times-Kolumnen die These verfochten, dass Europäer und Amerikaner, die ihre Informationen über den Irak nur aus ihrem nationalen TV-Angebot bezögen und dann miteinander verglichen, zum Schluss kommen müssten, sie hätten es mit Ländern auf unterschiedlichen Planeten zu tun.

Bei den großen überregionalen Qualitätsblättern zeigt sich ein differenzierteres Bild. Während das Wall Street Journal stramm auf Bush-Kurs liegt, geben sich die New York Times und Washington Post skeptischer und lassen auch dissidenten Meinungen viel Raum. Erst kürzlich kritisierte die Times in einem Leitartikel die Bush-Regierung für ihre Bemühungen, einen Konnex zwischen Al-Kaida und Saddam herzustellen: Solange sie keine wirklich hieb- und stichfesten Beweise vorlege, schwäche sie damit nur ihre eigene Position.

Auf dem Feld kleinerer, weltanschaulich prononciert Stellung beziehender Publikationen eröffnet sich schließlich eine breite Meinungsskala, die sich vom stramm rechten Weekly Standard bis zur linken, pazifistischen Nation erstreckt.

Nächste Belastungsprobe steht bevor

Sollte es tatsächlich zum Krieg kommen, steht der Beziehung Politik, Medien und Militär ihre nächste Bewährungsprobe bevor. Seit dem Vietnamkrieg, als TV-Journalisten Bilder in die amerikanischen Wohnzimmer brachten, die jede Begeisterung für den Krieg schnell kippen ließen, ist das Pentagon strikt bedacht, den Informationsfluss in seinem Sinn zu steuern.

Das im Golfkrieg eingeführte Pool-System veranlasste Zyniker zur Aussage, die Freiheit der Medien existiere nur dort, wo die Militärs ihnen Freiheit lasse. Die Militärs argumentieren, dass sie ohne Restriktionsmaßnahmen für Journalisten die Soldaten in Gefahr brächten. Derzeit arbeitet das Pentagon daran, fünfhundert Reporter für ihren potenziellen Einsatz im irakischen Kriegsgebiet vorzubereiten. (DERSTANDARD, Printausgabe, 27.2.2003, Christoph Winder)

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    Die US-Medien, insbesondere die TV-Stationen, übertreffen sich dieser Tage in ihrer patriotischer Berichterstattung

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