Krankenhausbefragung: Bürokratie statt Hilfe für Patienten

26. Februar 2003, 16:05
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Nur 63 Prozent der Arbeitszeit können Spitalsärzte für die Betreuung der Patienten aufwenden - Der Rest sind Verwaltungsaufgaben

Wien - Spitalsärzte arbeiten "am Limit"; ihr größter Belastungsfaktor ist die Bürokratie. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Befragung zur Situation der in Krankenhäusern beschäftigten Mediziner, die am Mittwoch, in Wien präsentiert wurde.

Arbeiten für die Bürokratie

Nur 63 Prozent der Arbeitszeit, die in vielen Fällen ohnehin schon chronisch über dem gesetzlichen Limit liege, können Spitalsärzte eigenen Angaben zufolge für die Betreuung der Patienten aufwenden. Den Rest nehmen Verwaltungsaufgaben in Anspruch.

Jeder zehnte der rund 20.000 Spitalsärzte und -ärztinnen wurde befragt

Das Meinungsforschungsinstitut Ifes hat im Auftrag der Bundeskurie Angestellte Ärzte jeden zehnten der rund 20.000 Spitalsärzte und -ärztinnen in Österreich befragt. Neun von zehn Ärzten kritisierten, dass mehr Aufwand für Patientendokumentationen zu Lasten medizinischer Tätigkeiten betrieben wird. 42 Prozent empfinden die Fülle an Verwaltungsaufgaben als starke Belastung. 78 Prozent halten Personalknappheit für ein gravierendes Problem, zwei Drittel beschwerten sich über steigenden Zeitdruck.

Überfrachtung mit administrativen Aufgaben

"Ein geradezu skandalöses Ausmaß hat die Überfrachtung mit administrativen Aufgaben im Bereich der Turnusärzte erreicht", kritisierte die Bundesobfrau der Angestellten Ärztinnen und Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Gabriele Kogelbauer. Turnusärzte in Ausbildung zum Allgemeinmediziner können laut Umfrage nur noch die Hälfte ihrer Arbeitszeit ärztlichen Tätigkeiten widmen. 47 Prozent werden für Administrationsaufgaben aufgewendet. Die Standesvertreterin verlangt: "Nicht-medizinische Dokumentationsassistenten müssen die Bürokratiearbeit übernehmen, damit der Arzt sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren kann." Die Patientenbetreuung sei "bedroht, wenn nicht bald was passiert", warnte Kogelbauer.

Arbeitszeiten über 60 bzw. 72 Stunden

Bei der Arbeitszeit der Spitalsärzte liegt laut Umfrage vieles im Argen: Bei bestimmten Ärztegruppen liegen die durchschnittliche Wochenarbeitszeit und die wöchentlichen Maximalarbeitszeiten kontinuierlich über den legitimen Höchstwerten von 60 bzw. 72 Stunden.

Im Gesamtdurchschnitt beträgt die Arbeitszeit 59 Stunden

Die jüngeren unter den Spitalsärzten (unter 34) kommen demnach auf eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 63 Stunden, Turnusärzte in Ausbildung zum Facharzt werden mit einer Wochenarbeitszeit von 64 Stunden und einem Maximalwert von 82 Wochenstunden "offenbar systematisch über das gesetzlich erlaubte Maß hinaus beschäftigt". Auch bei Turnusärzten für Allgemeinmedizin überschreite die maximale Wochenarbeitszeit mit im Schnitt 77 Stunden den Rahmen des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes.

Die folgenden Ärztegruppen liegen bei der wöchentlichen Spitzenbelastung im Gesamtschnitt über den erlaubten Höchstgrenzen: Chirurgen arbeiten laut Studie 83 Stunden, Gynäkologen 79, Anästhesisten rund 76 und Internisten 74 Stunden. Außerdem gilt dies für alle Bundesländer außer Wien - Burgenland (82 Stunden), Salzburg und Vorarlberg (76) Niederösterreich, Tirol und Steiermark (78), Kärnten (75) und Oberösterreich (73 Stunden).

Im Gesamtdurchschnitt beträgt die Arbeitszeit der Spitalsärzte laut Georg Michenthaler vom Institut für empirische Sozialforschung Ifes 59 Stunden. In der Privatwirtschaft brächten es angestellte Akademiker in Führungspositionen auf durchschnittlich 48 Stunden.

In den meisten Bundesländern macht die Mehrheit der Ärzte sechs bis acht Nachtdienste pro Monat. Ab 2004 erlaubt das Gesetz nur noch sechs Nachtdienste. Mit dem derzeitigen Personalstand sei eine gesetzeskonforme Dienstplanerstellung dann nicht mehr möglich. "Wirksame Sanktionsmöglichkeiten für jene Arbeitgeber, die solche Zustände verantworten, sind ebenso unabdingbar wie Strafbestimmungen für den Öffentlichen Dienst", fordert Kogelbauer. Allein für die drei Universitätskliniken müssten bis 2004 insgesamt rund 300 Ärzte zusätzlich zur Verfügung stehen.

Problem Stress

Rund ein Drittel der Spitalsärzte nimmt Überstunden und lange Dienste als starke Belastung wahr (29 Prozent), berichtete Michenthaler. Dazu kommen Zeitdruck (34 Prozent) sowie Stress durch Patientenaufnahmedruck bzw. Überbelag der Krankenbetten (32 Prozent).

Steigende Aufnahmezahlen

Die Lage habe sich nicht zuletzt durch steigende Aufnahmezahlen verschlechtert: Von 1990 bis 2000 ist die Verweildauer der Patienten in den KRAZAF-Spitälern von 10,5 Tagen auf 6,7 Tage zurückgegangen. Die Zahl der Aufnahmen ist aber rasant angestiegen - von 27 Patienten pro Bett und Jahr auf 42. Der einzelne Arzt erbrachte im Mittel deutlich mehr Leistungen: Waren es 1990 noch rund 6.900 Leistungen pro Patient jährlich, waren es 2000 schon rund 7.900.

Mobbing

Für interne Reibungspunkte und Konflikte sorgt die strenge hierarchische Organisation der Abteilungen. Viele Ärzte fühlen sich auch fachlich im Stich gelassen: 22 Prozent beklagen mangelnde Unterstützung durch den Vorgesetzten. Drei von zehn Befragten sind mit den Aufstiegsmöglichkeiten unzufrieden. Als Besorgnis erregendes Ergebnis wird gewertet, dass sich jede(r) zehnte Spitalsarzt/ärztin durch seinen Vorgesetzten gemobbt fühlt.

Grundsätzlich gehen Ärzte mit Idealismus an ihre Aufgabe heran: Demnach sind die wichtigsten Motive, den Beruf zu ergreifen "Freude an der Arbeit" (81 Prozent), persönliche Entfaltungsmöglichkeiten (48 Prozent) und für andere Menschen und die Gesellschaft nützlich zu sein (45 Prozent). Karriere bezeichneten nur neun Prozent als "sehr wichtig".(APA)

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