Wiener Grundig-Werk auf Messers Schneide

26. Februar 2003, 16:10
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Gespräche dauern an - 700 Beschäftige müssen weiter zittern

Wien - Das Überleben des Grundig-Werks in Wien-Meidling steht erneut auf des Messers Schneide: Bei den finalen Verhandlungen über die Übernahme der TV-Gerätefabrik durch den österreichischen Investor Mirko Kovats ist am Mittwoch ein weiterer Stolperstein aufgetaucht, der den im vergangenen Dezember vereinbarten Deal zu Fall bringen könnte: Grundig-Deutschland weigere sich, Zulieferungen aus Wien an andere Elektronikhersteller zu akzeptieren, gab sich Kovats in den Mittagsstunden des Mittwoch "pessimistisch". Ein Firmensprecher des deutschen Traditionskonzerns, der demnächst von einer taiwanesischen Gruppe übernommen werden soll, dementierte dies umgehend. Die Verhandlungen dauern nach wie vor an. Ob es zu einer Einigung noch am Mittwoch kommt, blieb auch am Nachmittag ungewiss.

"Verlängerte Werkbank"

Ohne die Möglichkeit, an weitere Originalhersteller zu liefern, sei Wien nicht mehr als eine "verlängerte Werkbank", erklärte Kovats. "Wir können hier nicht nachgeben, das ist eine Klausel, die über Existenz oder Untergang des Wiener Werks entscheidet."

Der Sprecher von Grundig-Deutschland, Holm Kilbert, dementierte kurz danach, Grundig-Deutschland habe keine "einschränkenden Bedingungen" für den Verkauf gestellt. Diese würden auch "keinen Sinn machen". Man wisse, dass für den Einstieg des taiwanesischen Investors Sampo ein Verkauf des Wiener Werks "sehr wichtig" sei, "es kann daher nicht an uns liegen, einschränkende Bedingungen zu stellen", sagte Kilbert. Tatsächlich dürfte es sich bei den umstrittenen Klauseln zwar um kein ausgesprochenes Verbot der Lieferung an Dritte handeln, sondern um die Auflage, jeden dieser Fremdaufträge in Nürnberg genehmigen zu lassen, interpretieren Beobachter.

Einigung mit Banken

Die Rettung des Werks mit rund 700 Beschäftigten schien in den vergangenen Tagen hauptsächlich an den Verhandlungen mit der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) über die Höhe des von Kovats verlangten Forderungsnachlasses zu hängen - der Interessent soll einen Nachlass zwischen 20 und 30 Prozent verlangt haben. Die Bankenverhandlungen seien aber inzwischen erfolgreich abgeschlossen worden, bestätigte Kovats am Mittwoch, ohne die getroffenen Vereinbarungen näher erläutern zu wollen.

Der Industrielle hat sich in den vergangenen 15 Monaten auch in den steirischen Elektromotorhersteller ATB und in die zum insolventen Babcock-Konzern gehörende Austrian Energy & Environment (AE&E) eingekauft, die ebenfalls geplante Übernahme des Traiskirchener Semperit Reifenwerks war hingegen gescheitert. In den Weihnachtstagen des vergangenen Jahres hatte der Industrielle mit Grundig eine grundsätzliche Einigung über die Übernahme des Wiener Werks um einen symbolischen Preis erzielt - diese war freilich, wie sich nun zeigt, mit Vorbehalten versehen.

Der angeschlagene Grundig-Konzern selbst soll für einen Preis von 100 Mio. Euro bis März mehrheitlich vom taiwanesischen Sampo-Konzern übernommen werden. Voraussetzung dafür ist allerdings der erfolgreiche Verkauf der Wiener Fabrik, des letzten verbliebenen TV-Gerätewerks des deutschen Traditionsherstellers. (APA)

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