Die völlig unterschätzte Volkskrankheit

26. Februar 2003, 11:49
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1,5 bis 1,8 Millionen ÖsterreicherInnen betroffen - Tipps zur Erkennung und Behandlung

Saalfelden - Haupt-Kreislauf-Risiko: Bluthochdruck. "Es ist bestürzend, wie wenige Patienten ausreichend behandelt werden. In Österreich haben wir 1,5 bis 1,8 Millionen Betroffene. Der einzige Trost ist, dass es in anderen Ländern auch nicht anders ist", erklärte Dienstag Abend bei der 36. Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer der Salzburger Experte Univ.-Prof. Dr. Max Pichler.

Der Kardiologe und Vorstand der Abteilung für Innere Medizin II am LKH Salzburg weiter: "Es macht Sinn, den Blutdruck in einen normalen Bereich zu bringen. Man schätzt aber, dass nur 15 bis 20 Prozent der Hochdruckpatienten (Hypertonie, Anm.) auf einen gewünschten Bereich 'eingestellt' sind.

Die Hälfte der Hälfte der ...

Die Mängel im Detail: Nur die Hälfte der Hypertoniker sind als solche erkannt. Von ihnen wird nur die Hälfte behandelt. Von den Behandelten wird nur die Hälfte so therapiert, wie es sein sollte.

Laut dem Salzburger Kardiologen können die Blutdruckmessungen, die schließlich zum Erkennen einer Hypertonie führen, beim Arzt, beim Apotheker oder zu Hause erfolgen. "Eine Messung ist kein Wert. Es müssen mindestens 30 Messungen sein, von denen mehr als sieben abnorm hoch sein müssen", erklärte der Fachmann.

Richtwerte

Der maximal als normal angesehene Blutdruck: systolisch ("oberer Wert"/Pumpphase des Herzens) 100 bis 140 und diastolisch unter 90 mmHg ("unterer Wert"/Ruhephase des Herzens). Das sind aber Grenzwerte. Bei Menschen mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko - zum Beispiel bei Diabetikern - sollten noch niedrigere Werte erreicht werden.

Am bedeutsamsten ist laut Pichler für jüngere Patienten der diastolische Blutdruck. Bei über 50-Jährigen wird der systolische Blutdruck wichtiger. Darauf sollte bei Diagnose und Therapie besonders geachtet werden.

Ohne Arzt kann's besser gehen

Wichtig ist auch die Blutdruck-Selbstmessung. Denn es gibt die so genannte "Weiß-Kittel"-Hypertonie, bei der Patienten auf Grund von Stress vor dem Arzt mit einem höheren Wert reagieren. Im "Privaten" und in entspannter Atmosphäre gemessen, sollten nicht mehr als 135/85 mmHg aufscheinen.

Die Therapie hängt vom Gesamtrisiko des Einzelnen ab. "Wir behandeln nicht den Bluthochdruck, sondern das Gesamtrisiko", sagte Pichler. So könnte man bei Menschen mit einem Wert von 140-149/90-99 mmHg ohne zusätzlichen Risikofaktor eventuell ohne intensive Behandlung auskommen, ein Diabetiker hingegen würde schon in eine viel höhere Gefährdungsklasse fallen.

Hochrisikofaktoren

Eine Hoch-Risiko-Hypertonie liegt zumeist vor bei Zuckerkranken, bei Menschen mit einer Verdickung der linken Herzkammer, bei einer Nierenschädigung und bei Betagten (isolierte systolische Hypertonie). Pichler: "Hochdruck im Alter wird immer völlig vernachlässigt. Die alte Regel '100 plus Alter für den systolischen Blutdruck als Erfordernis für die Gehirndurchblutung' ist eine Schnapsidee. Wir wollen eine Normotonie von 140/90, eventuell von 160 zu 90."

Dies hätte auch in Studien - so der Kardiologe - eine deutliche Verringerung der Schlaganfälle, Herzinfarkte und Fälle von Herzschwäche (Herzinsuffizienz) gebracht. Bei älteren Menschen müsse man statistisch gesehen nur noch 58 Patienten behandeln, um binnen fünf Jahren einen Herz-Kreislauf-Todesfall zu verhindern.

Tipps und Medikamente

Sinnvoll ist allerdings nur eine vorsichtige Blutdrucksenkung. Sonst gibt es vor allem Schwindel als unerfreuliche Nebenwirkung. Pichler: "Wir beginnen auf alle Fälle mit Allgemeinmaßnahmen: Bewegung, Abnehmen, wenig Salz und wenig Alkohol."

Einen Mangel an verschiedenen Medikamenten zur Behandlung der Hypertonie gibt es nicht. Es existiert eine ganze Reihe von von Antihypertensiva: ACE-Hemmer, Beta-Blocker, Kalziumantagonisten, Diuretika, Alpha-Blocker und Angiotensin-II-Rezeptorblocker. Die Entscheidung für eines oder zumeist eine Kombination der Medikamente hängt aber sehr oft davon ab, welche Begleiterkrankungen bestehen, weil die einzelnen Substanzen Zusatznutzen für spezifische Patientengruppen haben. (APA)

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