Guantanamo: Alamierende Bilanz über den Zustand der Häftlinge

26. Februar 2003, 21:14
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UNO und rotes Kreuz besorgt über Anstieg der Selbstmord- und Psychiatrie-Fälle bei mutmaßlichen El-Kaida-Anhängern und Taliban-Kämpfern

UNO kritisiert USA wegen Umgangs mit mutmaßlichen Terroristen Islamabad - Die Vereinten Nationen haben die USA wegen ihres Umgangs mit mutmaßlichen Terroristen kritisiert. Die Geheimhaltung von Deportationen mutmaßlicher Taliban-Kämpfer und Al-Kaida-Mitglieder in das Militärgefängnis in Guantanamo auf Kuba müsse beendet und die Anklagepunkte müssten veröffentlicht werden, sagte der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte am Mittwoch (heute) im pakistanischen Islamabad.

"Ich sehe keine Notwendigkeit, warum die Transporte nicht transparent gemacht werden", sagte Sergio Vieira de Mello. Zuvor hatte er sich mit dem pakistanischen Ministerpräsidenten Zafarullah Khan Jamali, mit weiteren Politikern und Vertretern von Menschenrechtsgruppen getroffen. Pakistan ist ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus und hat den USA mehr als 400 Al-Kaida-Mitglieder überstellt.

Angehörige wissen nichts über Aufenthaltsorte und Vorwürfe

Laut Vieira de Mello wissen oftmals die Familien der Inhaftierten nichts über deren Aufenthaltsort oder die Vorwürfe, die gegen sie erhoben werden. "Die Familien sollten darüber informiert werden", forderte er. Der Kampf gegen den Terror dürfe die Menschenrechte nicht verletzen.

Immer mehr Selbstmorde

Unter den rund 600 Häftlingen aus Afghanistan auf dem US-Militärstützpunkt Guantanamo mehren sich die Selbstmorde, und zahlreiche Insassen werden einer psychiatrischen Behandlung unterzogen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat diese Woche eine alarmierende Bilanz über den Zustand der mutmaßlichen El-Kaida-Anhänger und Taliban-Kämpfer gezogen, die auf der Basis im Südosten Kubas von den USA oft schon seit mehr als einem Jahr festgehalten werden. Die Ungewissheit über ihr Schicksal, ihr rechtlich unklarer Status und die lange Haftdauer in den Käfigen des Camps machen vielen Häftlinge psychisch schwer zu schaffen.

Herausforderung Psychiatrie

Selbst der Sanitätsdirektor der Basis und des neuen Spitals Camp Delta auf Guantanamo, Albert Shimkus, räumte gegenüber der spanischen Tageszeitung "El Pais", die vor einigen Wochen einen Bericht über das Leben der Häftlinge brachte, ein, dass "die Psychiatrie die größte Herausforderung" für deren Betreuer darstellen werde. 19 Häftlinge versuchten sich umzubringen, meist mit Betttüchern aufzuhängen, etwa 40 sind in psychiatrischer Behandlung. Die Hungerstreik-Aktionen des Vorjahres unter den Insassen, die aus mehr als 40 Nationen stammen, hätten sich hingegen nicht wiederholt, heißt es. Etwa 70 medizinische Operationen wurden bis Ende Jänner durchgeführt, zumeist ging es dabei um die Behandlungen von Verletzungen.

Dehydrierung

Durch die offenen umzäunten Zellen und die Metallzellen weht die Karibik-Luft. Eine lebensnotwendige Brise in einem Tropenklima mit Temperaturen, die im Winter durchschnittlich 27 bis 32 Grad betragen und im Sommer auf über 45 Grad klettern. Um der bedrohlichen Dehydrierung entgegen zu wirken, bekommt jeder Häftling, so schildert es der Korrespondent von "El Pais", drei Portionen Salz und ein Glas Wasser - bzw. fünf Portionen Salz und eine Flasche Wasser, wenn er sich gut benimmt. Das ganze Behandlungssystem ist auf "gutem Benehmen" aufgebaut.

2,4 mal 2,1 Meter

Ihre 2,4 mal 2,1 Meter kleinen Käfige oder Zellen in den Metallpavillons dürften die Gefangenen nur zwei Mal in der Woche - eskortiert und in Handschellen - verlassen, schildert der Bericht. Die kurzen Ausgänge sind genau programmiert: 10 Minuten zum Duschen, 20 Minuten für körperliche Übungen und 5 Minuten zum Rasieren. Bei gutem Benehmen wird den Häftlingen diese Zeit verlängert, im Bestfall auf die doppelte Zeitspanne für Bewegung und Duschen. Um 5.00 Uhr stehen sie auf, können dem ersten Tagesgebet des Koran aus dem Lautsprecher lauschen. Drei Mahlzeiten pro Tag werden ausgegeben. Die meisten verbringen den Tag mit Lesen, Beten, Schachspielen, Briefschreiben und im Gespräch mit ihren Mithäftlingen.

Verhöre

Andere werden zu langen Verhören gebracht, die in klimatisierten Räumen des Camps durchgeführt werden. Auch dort laute die Strategie: Haftverbesserung bei Kooperation, und dabei wurden "enorme Erfolge" erzielt, so General Jeoffrey D. Miller, der auf Korea-Krieg-Erfahrung zurückblickt. In diesen Verhören sammelten die Amerikaner auch Erfahrungen, die für die Behandlung von Gefangenen in einem bevorstehenden Irak-Krieg nützlich sein können, so "El Pais" unter Berufung auf US-Quellen. Gerichtsverfahren sind aber nach wie vor nicht in Sicht. Die USA haben ihnen trotz Forderungen von Menschenrechtsgruppen und IKRK keinen Status als Kriegsgefangene gemäß der Genfer Konvention eingeräumt.

"Gut-und-Böse System"

Auf Grund des "Gut-und-Böse"-Systems, das den Alltag reglementiert, werden die Insassen in vier Kategorien eingeteilt. Die "Braven" dürfen 20 Briefe von zu Hause aufbewahren, Lebensmittel und Trinkwasser sammeln, Bücher in der Bibliothek und mehr Bettwäsche erbitten. Die "Bösen", etwa jene, die in ihren Zellen randalieren, werden mit Haft in einer der 80 Isolierungszellen bestraft. Ein paar Worte auf Englisch haben die meisten gelernt, schreibt "El Pais". Meist sind es Schimpfwörter wie "donkey" (Esel) - so nennen sie ihre Aufseher.

Nach dem Zeitungsbericht habe es in den amerikanischen Behörden auch internen Streit darüber gegeben, welche Häftlinge nach Guantanamo verlegt werden sollten. Etwa 15 Prozent der Gefangenen seien gegen Geheimdienst-Rat von Afghanistan nach Kuba gebracht worden. Taxifahrer, Schuster, Bauern etc. seien darunter, denen man keine terroristische Gefährlichkeit anlasten könne. Unter den fünf Männern, die zu Jahresende nach Afghanistan zurück geschickt wurden, war ein 71-jähriger Afghane, der das Essen verweigerte.(APA)

  • Artikelbild
    foto: epa/peter muhly
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