Russland will im Spiel bleiben

25. Februar 2003, 19:54
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In Moskau stellt man sich schon auf einen Irak nach Saddam ein

Russland weiß und sieht, dass es einen Irakkrieg nicht verhindern kann. Das Augenmerk liegt ohnehin schon längst auf der Wahrung der wirtschaftlichen Interessen. "Wir sind nicht in der Lage, den Krieg zu verhindern. Wir sind in der Lage, ein ernsthafter Spieler bei der Aufteilung des Irak zu bleiben." Der Präsident des russischen Fonds "Politik", Wjatscheslaw Nikonow, sagte der Zeitung Iswestija im Klartext, wovon man generell ausgeht.

Dass Russland am Montag im UN-Sicherheitsrat gemeinsam mit Frankreich und Deutschland einen "politischen Gegenentwurf" zum anglo-amerikanischen Entwurf einer neuen Irakresolution angekündigt hat, wird als konsequentes Doppelspiel gewertet - allenfalls noch als ehrliche Hoffnung, eine Abstimmung zu vermeiden.

Für diesen Fall hat Moskau zwar ein Veto nicht ausgeschlossen, aber kaum jemand glaubt, dass der Kreml eine Konfrontation mit den USA und einen Bedeutungsverlust des UN-Sicherheitsrates riskieren wird. Am wenigsten riskieren will man freilich die eigenen wirtschaftlichen Interessen. Wie der ehemalige Vizepremier Boris Nemzow in einem Artikel für die Financial Times äußerte, zwängen Stimmen aus Moskaus diplomatischen Kanälen zur Annahme, dass "Moskaus stille Zustimmung" zu einer Intervention "derzeit zu erlangen" sei. Russlands Verhältnis zum Irak sei ökonomischer Natur, und "Russland wird sich Amerika kaum in den Weg stellen", wenn die Rückzahlung der acht Milliarden Dollar Irak-Schulden nach einem Sturz Saddam Husseins und die Wahrung der Wirtschaftsinteressen garantiert würden.

Diese konzentrieren sich aufs Ölgeschäft, aber auch auf die Erneuerung der zu Sowjetzeiten errichteten Infrastruktur. Politologe Nikonow rät denn auch dem Kreml, schleunigst einen Präsidentenvertreter zu ernennen, der sich "rund um die Uhr" um diese Fragen kümmert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26.2.2003)

Eduard Steiner aus Moskau
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