Kommentar der anderen von CNN-Medienmanager Cramer: Journalisten als Freiwild

20. März 2003, 17:50
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Wie weit sollen Reporter gehen dürfen oder müssen, um an Nachrichten heranzukommen?

Nun, da die Welt am Rande eines Kriegs zu stehen scheint, der sich als der gefährlichste aller Zeiten herausstellen könnte, müssen wir in den Nachrichtenmedien uns einer Frage stellen: Wie weit darf ein Journalist gehen, um an seine Story heranzukommen?

Seit in manchen Teilen der Welt verbrecherische Gruppierungen aufgekommen sind, die Journalisten als legitime Angriffsziele betrachten, ist das an sich schon unsichere Nachrichtengeschäft noch gefährlicher geworden. Journalisten sehen sich zunehmend den schlimmsten Formen von Gewalt ausgesetzt.

Es sind albtraumhafte Zeiten für die Mitarbeiter der Nachrichtenmedien angebrochen, und das vergangene Jahr ging an die Grenzen dessen, was unser Berufsstand je erlebt hat. Journalisten werden in einem inakzeptablen und bisher nie gekannten Ausmaß getötet. Man respektiert nicht, dass sie nichts weiter tun als ihre Arbeit; stattdessen setzt man sie mit Vertretern der Regierungen ihrer Heimatländer gleich.

Nicht unantastbar

Die Zeiten sind vorbei, da man Journalisten noch als Mitglieder eines geschützten, unantastbaren Berufsstandes ansah. Manche Leute gehen inzwischen sogar so weit zu sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, in der Ausübung ihres Berufs getötet zu werden, bei Krisenreportern höher sei als bei Angehörigen der Streitkräfte.

Wie andere Medien muss auch CNN aus hochgefährlichen Weltgegenden berichten. Dabei riskieren immer mehr Journalisten, bei ihrer täglichen Arbeit verletzt oder gar getötet zu werden. Das ist eine Realität, mit der wir in den Medien nicht leben, die wir nicht einfach akzeptieren können. Wir müssen etwas dagegen tun.

Meiner Ansicht nach haben alle seriösen Nachrichtenorganisationen die moralische und ethische Verpflichtung, dafür Sorge zu tragen, dass ihre Mitarbeiter ein Training für das Verhalten in Konfliktherden absolvieren und ausreichend vor möglichen Gefahren geschützt werden. Ebenso wichtig und wahr ist auch, dass diese Medien nicht in der Lage sein werden, eine authentische und unparteiische Berichterstattung aufrechtzuerhalten, solange sie im Angesicht tödlicher Aggression vor Angst den Kopf in den Sand stecken.

Mehr als 50 Tote

Rufen wir uns die grausigen Fakten ins Gedächtnis. Mehr als fünfzig Journalisten kamen im letzten Jahr weltweit ums Leben, so auch der brutal ermordete Daniel Pearl vom Wall Street Journal, dessen Tod die Welt zutiefst erschütterte. Über die Jahre haben CNN, BBC und andere Nachrichtensender schreckliche Verluste hinnehmen müssen. Sieben Kollegen bei CNN wurden erschossen - fünf von ihnen an einem Tag. Die Kamerafrau Margaret Moth wurde von einem Heckenschützen in Sarajewo im Gesicht getroffen und schwer verletzt. Der Kameramann Dave Allbritton hat das massive Granatwerferfeuer auf das Gebäude des bosnischen Fernsehens nur knapp überlebt. Ben Wedeman, unser Bürochef und Korrespondent in Kairo, ist im Gazastreifen angeschossen worden.

Das kann nicht gerechtfertigt werden. Die Nachrichtenmedien müssen tief in die Tasche greifen, um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter im Einsatz zu gewährleisten. Alle Nachrichtenchefs der Fernsehstationen - aber auch der Printmedien - sind dafür verantwortlich, dass weder ihre Angestellten noch freie Mitarbeiter ohne entsprechendes Training und passende Ausrüstung in Gefahrenzonen geschickt werden.

CNN ist die Sicherheit seiner Mitarbeiter so wichtig, dass 500 unserer Kollegen ein Trainingsprogramm für den Einsatz in feindseliger Umgebung ermöglicht wurde sowie etwa weiteren 200 ein Überlebenstraining bei Angriffen mit chemischen und biologischen Kampfstoffen.

Da die einwöchigen Kurse zusammen mit der Ausrüstung pro Person 4000 Dollar kosten, beträgt die Investition von CNN für diese obligatorische Schulung seiner Mitarbeiter ungefähr eine Million Dollar. Es ist tragisch und deprimierend, dass einige andere Nachrichtenorganisationen das finanzielle Risiko für den Schutz ihrer Angestellten nicht tragen wollen.

Reporter mit Helm

Niemand sollte in einer Gefahrenzone - oder in einer Umgebung, die sich voraussichtlich als feindselig erweisen wird - ohne ausreichende Vorbereitung und Schutzmaßnahmen eingesetzt werden. Zusätzlich sollten heutzutage alle Journalisten, die aus feindlichen oder unsicheren Gebieten berichten, mit einer Grundausstattung aus gepanzerten Fahrzeugen, Schutzhelmen, Splitterschutzwesten und ABC-Schutzausrüstungen versehen werden, ebenso wie die Sicherheitskoordinatoren, die unsere Filmcrews begleiten, eine lebenswichtige Rolle vor Ort spielen können.

Unsere Verantwortung sollte mit der Heimkehr der Journalisten nicht enden. Ähnlich wie Mitglieder der Armee, Polizei und Feuerwehr betreut werden, wenn sie einen traumatischen Einsatz hinter sich haben, benötigen auch Krisenreporter besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge. Die Verarbeitung ihres Einsatzes und eine freiwillige und vertrauliche psychotherapeutische Behandlung sollten, wenn nötig, für all jene bereitgestellt werden, die unter posttraumatischem Stresssyndrom leiden.

In der Vergangenheit wurden getötete oder verwundete Journalisten oft als Unglücksfall oder als Opfer fehlgeleiteter Aktionen hingenommen, als bedauerliche Begleiterscheinungen unseres Jobs.

Schutz als Priorität

Doch solange Journalisten überall auf der Welt aus Regionen berichten, die einerseits einen hohen Nachrichtenwert besitzen, andererseits sehr gefährlich sind, muss deren Schutz für ihre Arbeitgeber oberste Priorität haben.

Jeder Mitarbeiter der Nachrichtenbranche muss sich heute mehr denn je den Bedrohungen stellen, die eine Berichterstattung aus Krisenherden und Kampfzonen mit sich bringt, und wir sollten uns entsprechend wappnen, damit wir diesen Gefahren nicht hilflos ausgeliefert sind. Wir haben die Pflicht und die Verantwortung, dies zu tun. Keine Story ist den Tod eines Journalisten wert. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2003)

Der Autor ist Präsident von CNN International Networks in Atlanta und in dieser Position verantwortlich für die internationalen Aktivitäten, die zurzeit 22 verschiedene Nachrichtendienste umfassen. Der frühere BBC-Nachrichtenkoordinator Cramer, der 1996 zu CNN wechselte, ist Autor des Buches "Hostage", eines Augenzeugenberichts über die Erstürmung der iranischen Botschaft in London 1980, in der er selber als Geisel festgehalten wurde.

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CNN

  • Chris Cramer
    foto: standard

    Chris Cramer

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