Das Gedächtnis der Musikgeschichte

26. Februar 2003, 10:03
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Der Verein "Orpheus Trust" erinnert an eine vertriebene Komponisten- Generation

Wien - Es war durchaus schön, dass sich die Wiener Festwochen bei ihrer Eröffnung im Vorjahr am Rathausplatz der Stimmen von Bryan Ferry und Max Raabe bedienten, um auf die Musik österreichischer Emigranten wie Walter Jurmann, die vor den Nazis flüchteten mussten, hinzuweisen. Allein, auch ein Hinweis, durch wen man sich beim Repertoire ausgiebig informieren ließ, nämlich durch den Verein Orpheus Trust, wäre schön und korrekt gewesen.

Der Verein, 1996 von Primavera Gruber gegründet, trug es mit Fassung und arbeitete natürlich weiter - zahlreich sind auch die Bereiche, die es zu betreuen gilt: Grundsätzlich geht es um die Erforschung von Leben und Werk vertriebener oder im KZ getöteter Musikschaffender. Konkret heißt das: Man betreibt den Aufbau einer Datenbank, die nun bereits über 4500 Künstler umfasst. Mittlerweile liegen auch über 200 Interviews mit Zeitzeugen vor.

Zudem wird ein Archiv mit Kompositionen, Tonaufnahmen, Fotos, biografischen Materialien und Sekundärliteratur gepflegt - wie auch der künstlerische Nachlass von Fritz Spielmann und Kurt List. Das war's noch nicht. Ein Anliegen ist auch das Beleben der Verbindung zwischen Wissenschaft und Konzertbetrieb. Der Orpheus Trust liefert Programmvorschläge für Veranstalter - es ist eine Arbeit, die sich gegen das Vergessen sträubt und daran arbeitet, ein mitunter noch nie gespieltes Musikrepertoire im Konzertalltag zu etablieren.

Zu diesem Zweck gibt es natürlich auch noch Eigenveranstaltungen wie Mit leichtem Gepäck, dessen zweiter Teil heute im RadioKulturhaus beginnt. Gerhard Bronner führt durch das Programm, das unter anderem Miniaturen von Curt Bry, Gideon Klein, Leo Strauss und Viktor Ullmann vorstellt. Thema ist das Getto Theresienstadt und die Kunstpflege unter zweifelhaften Bedingungen.

Die Reihe wird am 26. März fortgesetzt (Komponisten aus Budapest) und endet dann am 9. April: Unter dem Titel Exodus - (Alt-)Österreich in Hollywood geht es um Werke von Fritz Spielmann, Ernest Gold und Walter Jurmann.

Geplant war schon im Vorjahr ein Frankreich-Festival; dies musste nun wiederum und also auf 2004 verschoben werden. Es hapert am Geld. Von den beantragten 145.345 Euro für 2003 gibt es vom Bund nur eine telefonische Zusage über 23.000 Euro; die Stadt Wien fördert immerhin mit 73.000 Euro. "Der Bund gibt sein Geld nur für Künstlerhonorare und seltsamerweise leider nicht für die Infrastruktur", meint Primavera Gruber, "die Stadt hat immerhin verstanden, dass das ganze Drumherum auch mit Arbeit verbunden ist . . ."

Es versteht sich, dass für die drei fixen Orpheus-Trust-Mitarbeiter somit viele unbezahlte Arbeitsstunden anfallen - "um gut arbeiten zu können, müssten wir zu sechst sein", so Gruber, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat. Einen Preis der Rennerstiftung, mit dessen Hilfe im Vorjahr ein Liquiditätsengpass mitbeseitigt wurde, bekommt man allerdings nicht jedes Jahr.


(Ljubisa Tosic/DER STANDARD; Printausgabe, 26.02.2003)

Service

RadioKulturhaus, 4., Argentinierstraße 30a, 19.30

Link
www.orpheustrust.at

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