Nukleare Fingerprints gesucht

25. Februar 2003, 18:03
posten

In Seibersdorf werden die Proben der Waffeninspektoren analysiert

G’stätten, Äcker, ein paar Rehe, Wald. Im tiefsten Niederösterreich kennt die rurale Beschaulichkeit kaum Grenzen. - Außerdem wird dort über Krieg und Frieden im Irak mitentschieden. Im Forschungszentrum Seibersdorf befindet sich das Labor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO). Dort treffen seit Weihnachten Proben der im Irak operierenden UN-Waffeninspektoren zur Analyse ein.

"Die Kontrolleure entnehmen unter anderem Wasser-, Boden-, Metall- und sogar Pflanzenproben. Meistens aber schicken sie uns schmutzige Wischtücher", erklärt der Laborleiter David Donahue. Die fein säuberlich in Plastiksackerl verpackten Baumwollfetzen werden dann ins so genannte Clean Lab verfrachtet. Dort wird geprüft, ob die Proben radioaktiv strahlen, ob sich allenfalls angereichertes oder sogar waffenfähiges Uran nachweisen lässt.

"Die Isotopenstruktur des Urans ist wie ein nuklearer Fingerabdruck. Jeder Anreicherungsprozess hat eine eigene Signatur. Wir können das in den Partikeln der Proben über Jahrzehnte nachweisen und somit prüfen, ob unsere Ergebnisse mit den Angaben der Iraker übereinstimmen", so Donahue. Voraussetzung dafür sei allerdings ein absolut reines Labor, das "Crosskontaminierung" ausschließen lasse, und ein lückenlos dokumentiertes Probencurriculum.

Der "springende Messpunkt" ist das Uranisotop 235. In der Natur kommt dieses nur zu 0,7 Prozent vor. Für die Verwendung in einem Leichtwasserreaktor muss es auf drei Prozent angereichert werden und waffenfähiges Uran hat einen Anteil von mindestens 60 Prozent U 235.

Wie Sherlock Holmes

"Wir haben schon aus drei oder vier Staubkörnern geschlossen, welche Prozesse in einer Atomanlage gefahren worden sind. Da muss man wie Sherlock Holmes sich seinen Reim drauf machen", erklärt Friedrich Rüdenauer, der am SIMS-Massenspektrometer steht und versucht, Informationen über solche Anreicherungsversuche zu gewin 3. Spalte nen. Die Aufgabe entspreche etwa der Suche nach einem Fußball auf einem Feld von acht mal acht Kilometern.

Ist der Ball dann gefunden, bedeutet das allerdings noch lange nichts. Denn: "Wir produzieren Fakten, interpretieren diese aber nicht", heißt es im IAEO-Labor. Zum Teil wisse man nicht einmal, welche Proben von welchem Inspektionsort stammten. Auch bekomme man nicht alle Informationen zu Gesicht. Diese laufen ausschließlich im Wiener Hauptquartier zur endgültigen Analyse zusammen.

Dennoch: "Wie vor dem Sicherheitsrat berichtet, haben wir noch keine ,smoking gun’ im nuklearen Bereich gefunden", sagt David Donahue. In nuklearer Hinsicht seien die Dinge im Irak ziemlich klar, da gebe es bisher keinerlei Hinweise auf allenfalls existierende Massenvernichtungswaffen. Es seien zwar noch einige der gut 40 bisher eingereichten Proben in den nächsten Wochen zu analysieren, aber er erwarte sich dabei - im Gegensatz zu Nordkorea - keine bösen Überraschungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2003)

Share if you care.