Die zwei Gesichter des Watchdogs

25. Februar 2003, 18:04
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Seit den 50-er Jahren will die Wiener IAEO die Atomenergie friedlich nutzbar machen. Derzeit muss sie gleich mit zwei Krisen fertig werden

Wenn Werner Burkart zum Schreibtisch ganz am Ende seines Bürozimmers geht, ist der Funkturm immer dabei. 15 Meter Panoramablick auf Floridsdorf und Alte Donau - im 23. Stockwerk der UNO-City macht der Überblick schon ein wenig schwindlig. Im 28. sitzt Mohamed ElBaradei, der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde, doch dazu später. "Kritisch ist vor allem Eisen, wenn man sich die ganze Welt anschaut", sagt Burkart, der Schweizer Mediziner und einer der Vizedirektoren der IAEO. Will heißen: Eisenmangel ist ein globales Ernährungsproblem, und die IAEO kann helfen. Zum Beispiel durch nukleare Bestrahlung Reissorten mit leicht aufnehmbaren Eisen entwickeln.

"Wahnsinnige Angst"

Zwischen Irakkrise und Entwicklungshilfe liegen in der Wiener Atombehörde nur ein paar Stockwerke, aber das war seit Gründung der IAEO 1957 eigentlich nie anders. Nur jetzt ist eben diese "wahnsinnige Angst" da, die Horrorszenarien von Terrorangriffen auf Atomkraftwerke und Anschlägen mit den "schmutzigen Bomben", meint Melissa Fleming, eine der Sprecherinnen der Organisation, als sie auf die geruhsame Zeit in der Wiener UNO-City-Welt vor dem 11. September zurückblickt. Seit die Terroranschläge in den USA nahtlos in den Irakkonflikt übergegangen sind, spielt Mohammed ElBaradei einen der Hauptparts in dem Stück "Bush gegen Bagdad". Diese Woche hat er sich Auszeit genommen. Nachdenken über den diplomatischen Spielraum, den der jüngste Resolutionsentwurf der Amerikaner und Briten noch den Waffeninspektoren im Irak lässt.

ElBaradei ist bei seinen Auftritten politischer als Hans Blix, sein alter Ego von der UN-Abrüstungsbehörde Unmovic, bestätigt Melissa Fleming.

ElBaradei wehrt sich

Der Ägypter ist in der Defensive. Man dürfe das System der Inspektionen nicht verunglimpfen, fasst Fleming die neue Sorge ihres Chefs zusammen. Die Kontrolleure der IAEO arbeiten, anders als es etwa die US-Regierung darstellt, sehr wohl investigativ. Die IAEO als weltweite Atom-Kontrollorganisation also, Hüterin über den Atomsperrvertrag von 1968 und aller nuklearer Energienutzung. "Watchdog" heißt es auf Englisch: 2200 Mitarbeiter, die größte der UN-Behörden in Wien, 135 Mitgliedsstaaten und 300 Millionen Dollar Jahresbudget, seit zehn Jahren festgeschrieben, weil es die USA so wollten; jetzt beteiligt sich Washington an der 11-prozentigen Erhöhung des Haushaltes. "Sie sehen sich seit dem 11. September an, welche UN-Organisationen nützlich sind für sie", sagt Fleming, betont aber auch, dass die USA ihre Beiträge an die IAEO stets regelmäßig gezahlt haben.

Es war eine amerikanische, eine gleichermaßen idealistische wie hart kalkulierte, realpolitische Idee, mit der US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1953 an die Öffentlichkeit trat. "Atoms for Peace" hieß der Slogan seiner Rede, "Atome für den Frieden", denn das atomare Zeitalter hatte gerade begonnen mit Hiroshima, Kaltem Krieg und Fortschrittseuphorie. Laut Satzung von 1957 soll die IAEO "weltweit den Beitrag der Atomenergie zu Frieden, Gesundheit und Wohlstand mehren und beschleunigen", aber auch, "so weit wie möglich sicherstellen, dass die von ihr geleistete Hilfe nicht zur Förderung militärischer Zwecke benutzt wird".

Atom-Expertise

Als Atomlobby galt die Wiener IAEO deshalb lange. Noch heute gibt sie Ländern in Afrika, Asien und Südamerika ihre Expertise bei der langfristigen Energieplanung, wie Ana María Cetto, Vizedirektorin und zuständig für die "Technische Zusammenarbeit" - die Entwicklungshilfe - der Behörde. "Aber wir drängen die Staaten natürlich nicht in die Atomenenergie." Schließlich sei ein Teil der Mitgliedsstaaten der IAEO mittlerweile auf Anti-Atomkurs, angefangen schon bei Österreich. (MArkus Vernhart/Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2003)

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    Spurensuche im Seibersdorfer "Clean Lab": Die Experten der IAEO suchgen in Niederösterreich nach verschwindend kleinen Partikeln, die auf angereichertes Uran in irakischen Atomanlagen hinweisen

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