Wien: "Punktuelle Sonntagsöffnung"

25. Februar 2003, 17:19
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STANDARD-Montagsgespräch: Wiens Vizebürgermeister Sepp Rieder will aus touristischen Gründen offene Geschäfte am Sonntag und stößt auf Widerstand

Wien - Sepp Rieder, Wiener Finanzstadtrat und Vizebürgermeister, will weiterhin eine Sonntagsöffnung aus touristischen Gründen. "Aber nur punktuell, denn eine Generallösung würde die Fronten nur weiter verhärten", sagte er beim Montagsgespräch des STANDARD und Radio Wien, in dem diesmal über das ewig aktuelle Thema Ladenöffnungszeiten diskutiert wurde. Unter "punktuell" versteht der Stadtrat, dass zu Fremdenverkehrsspitzenzeiten - etwa dem Sonntag vor Silvester - offene Geschäfte möglich sein sollten.

Rieders Argument: "Wir können es uns im Wettbewerb der Destinationen auf Dauer nicht leisten können, dass wir den Touristen in Wien geringere Möglichkeiten bieten." Bis auf Deutschland und Italien haben die Nachbarländer Österreichs liberalere Sonntagsöffnungszeiten. Auch Städte wie London, Paris oder Amsterdam locken mit offenen Geschäften an Sonntagen.

"Eigenartige Situation"

Doch diese Argumente wogen auch bei dieser Diskussion um den Ladenschluss offenbar zu wenig. Es folgten Wortmeldungen, die den Stadtrat schließlich zur Erkenntnis kommen lassen sollten: "Ich bin in der etwas eigenartigen Situation, dass man eine Liberalisierung vorschlägt, von der die, für die sie bestimmt ist, nicht Gebrauch machen wollen."

Mit Rieder am Podium saßen am Montagabend im Wiener Haus der Musik, dem traditionellen Veranstaltungsort der "Montagsgespräche": Fritz Aichinger, Präsident der Wiener Kaufmannschaft, Markus Glatz-Schmallegger, Katholische Sozialakademie, Janet Kath, Eigentümerin der Interio-Möbelhäuser, sowie Karl Dürtscher, stellvertretender Wiener Regionalgeschäftsführer der Gewerkschaft der Privatangestellten. Mit Ausnahme von Kath alles Gegner einer Sonntagsöffnung.

Fehlende Kaufkraft

Der Gewerkschafter warf ein: "Problem im Handel sind nicht die Öffnungszeiten, sondern die fehlende Kaufkraft wegen der Arbeitslosigkeit." Außerdem sei die Frage der Kinderbetreuung nicht beantwortet, da eine Liberalisierung vor allem Frauen betreffen würde. In Richtung der filialisierten Handelsketten, die vehement für mehr Öffnung eintreten, sagt Dürtscher: "Über soziale Rahmenbedingungen wird nicht nachgedacht, im Gegenteil, es wird sogar die Demontage verlangt."

"Soziale Taktgeber"

Glatz-Schmalegger, Vertreter der "Allianz für den freien Sonntag", stimmt zu: "Die Ladenöffnungszeiten sind soziale Taktgeber. Es geht nicht nur um Betriebswirtschaft." Außerdem könnte die Sonntagsruhe als touristisches Asset für Wien vermarktet werden.

Kath sagte zu den massiven Gegenstimmen (auch aus dem Publikum übrigens): "So kann man nur reden, wenn man nicht Verantwortung für Unternehmen und Mitarbeiter hat." In ihrem Unternehmen werde derzeit am Samstag schon mehr Umsatz als am Freitag gemacht - und am Samstagnachmittag 70 Prozent der Tageslosung.

Rückgänge in der Innenstadt

Aichinger, der ein Sportgeschäft in Wien 3 betreibt, konterte: "Bei der letzten Liberalisierung der Ladenöffnung hat in Wien nur eine einzige Einkaufsstraße eklatant profitiert - die Mariahilfer Straße. In der Innenstadt gab es Rückgänge. Weitere Schritte würden unsere Intention konterkarieren, nämlich ganz Wien mit guten Einkaufstraßen zu versorgen." Bei Erweiterungen des Ladenschlusses an Werktagen sei die Wirtschaftskammer allerdings gesprächsbereit, beim Sonntag nicht.

Rieder will sich von der Front insofern nicht entmutigen lassen, als er für Herbst eine große Wiener Tourismuskonferenz plant. Bis Juni soll in einer Arbeitsgruppe ein Vorschlag für eine künftige tourismusfördernde Regelung erarbeitet werden.

"Förderung für Billa und Ikea

Am Dienstag gab es postwendend Reaktionen aus das Montagsgespräch: Der SP-nahe Wirtschaftsverband Wien schlägt vor, die Rahmenöffnungszeit bei 66 Wochenstunden zu lassen, aber eine Öffnung bis 22 Uhr zuzulassen. Der grüne Wirtschafter Volker Plass sagte am Dienstag: "Wer Billa und Ikea fördern will und gleichzeitig die Vielfalt der kleinen innerstädtischen Geschäfte aufs Spiel setzen möchte, wird sich über Rieders Vorschlag sicherlich freuen." (szem, DER STANDARD, Printausgabe 26.2.2003)

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    Die Erweiterung der Ladenöffnungszeiten sorgt für heftige Diskussionen.

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