Das Tipi des Herrn Ramsauer

26. Februar 2003, 09:59
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Ein bisher unbekannter Architekt träumt von der Realisierung eines neuen WTC-Projektes von 785 Metern Höhe

Ein bisher unbekannter Architekt träumt von der Realisierung eines neuen World Trade Centers nach seinen Plänen. Der Entwurf würde alles andere in den Schatten stellen: Sein Monster-Tipi soll unglaubliche 785 Meter in den Himmel ragen.


New York/Wien - Gerfried Ramsauer ist ein Niemand. Weder finden sich Hinweise auf seine Tätigkeit als Architekt im Archiv des Architekturzentrums Wien noch irgendwo sonst im weltweiten Datennetz. Sein Name taucht lediglich im Zusammenhang mit der griechischen Insel Paros auf: Dort bietet Ramsauer Villen zum Kauf an, die er selbst designt haben soll. Und auch sein Lebenslauf ist eher kryptisch verfasst. Er sei am 1. August 1944 in Graz geboren und habe an der TU Wien Architektur studiert. Als Student von Richard Neutra. Zudem habe ihn seine berufliche Karriere (über 40 Jahre und Projekte) in vier Kontinente verschlagen. Aber ob all die angeführten Projekte in Saudi-Arabien und Südkorea, in Botswana und Katar auch realisiert wurden? Wer weiß.

"World Trade & Cultural Center" mit 785 Meter

Ramsauer macht derzeit von sich reden. Weil er ein Projekt für Ground Zero entwarf, das an Megalomanie alles bisher Dagewesene - bildlich gesprochen - um Häuser übertrifft. Denn sein "World Trade & Cultural Center" (WTCC) wäre 785 Meter hoch - und dessen Spitze, die Wolkendecke durchstoßend, der neue Referenzpunkt der Welt. Zum Vergleich: Selbst die Entwürfe von Daniel Libeskind sowie der Gruppe Think sind mit 541 beziehungsweise 500 Metern um einiges höher als der momentane Spitzenreiter, die Petronas-Türme in Kuala Lumpur (444 Meter).

Gerfried Ramsauer hat ein schönes Heftchen produziert. Mit vielen Computersimulationen. Und Franz Götschl, Zivilingenieur für Bauwesen in Wien, erklärte das Projekt dem STANDARD. Denn Ramsauer selbst sei eben in New York, um George E. Pataki, dem Gouverneur, seinen Entwurf persönlich zu präsentieren. Larry A. Silverstein, Pächter des ehemaligen World Trade Centers, sei bereits hin und weg. Schließlich biete das WTCC als einziges Projekt wirklich ausreichend Büroflächen. Franz Götschl zeichnet zusammen mit Vladimir Benco für die Statik verantwortlich. Und diese sei exzeptionell: Er habe für das Tragesystem bereits um ein weltweites Patent angesucht. Nur diesem sei es zu verdanken, dass man derart hoch bauen könne - ohne Gefahr für die Menschen.

Twin-Towers als Negativformen, umfangen von den Stangen eines kreisrunden Tipis

Das Projekt lässt die alten Twin-Towers wieder auferstehen. Als Negativformen. Denn die neuen Klötze ummanteln die nicht mehr existenten Quader, deren Grundflächen als Friedhof für die beim Terroranschlag Getöteten werden soll. Auf 415 Meter Höhe will Ramsauer eine Plattform errichten: Sie verbindet die Türme. Und soll ein weltreligiöses Zentrum (mit Moschee, Synagoge etc.) beherbergen.

Um eine höchstmögliche Stabilität zu erreichen, wird der Komplex quasi von den Stangen eines kreisrunden Tipis umfangen: In diesen schrägen Stützen sind alle Verkehrskanäle untergebracht. Wenn es also brennt im Gebälk, dann sei die Flucht kein Problem. Die Tipi-Form sei übrigens ganz bewusst gewählt worden: Schließlich sollen just auf diesem Platz 50.000 Indianer ermordet worden sein. Ein Zeichen also.

In der Spitze des Kegels will Ramsauer ein Weltkulturzentrum - mit Konzertsälen, Bühnen, Museen - und ein Gotteshaus für alle Religionen untergebracht wissen. Und den Abschluss bilden Energiekollektoren. Götschl ist überzeugt: Auf dieses Gebäude wären die Amerikaner echt stolz. Und das sei ja die Vorgabe von Präsident George W. Bush. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2003)

Von Thomas Trenkler

  • Computersimulationen des Projekts von Gerfried Ramsauer für New York: World Trade & Cultural Center
    grafik: gerfried ramsauer

    Computersimulationen des Projekts von Gerfried Ramsauer für New York: World Trade & Cultural Center

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    grafik: gerfried ramsauer
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