Der Faden, an dem das Leben hängt

26. Februar 2003, 10:50
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Vor 50 Jahren entschlüsselten Francis Crick und James Watson die Struktur des Erbmoleküls

28. Februar 1953 im britischen Cambridge. Ein Samstagmorgen. Francis Crick schlendert über den Unicampus zum Labor, das er seit zwei Jahren mit seinem Forscherkollegen James Watson teilt. "Jim", wie Watson von Crick genannt wird, ist schon an der Arbeit.

Eifrig schiebt Jim auf seinem Schreibtisch kleine Pappstücke hin und her. Die papierenen Puzzlestücke symbolisieren die Basen Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin - die so genannten Nukleotide, die Bauelemente des Erbmoleküls. Plötzlich liegen die Papierschnipsel genau so, wie die Basen miteinander verbunden sein mussten. So, wie sie die beiden Jungforscher von den Röntgenaufnahmen des Erbmoleküls ihrer Londoner Kollegin Rosalind Franklin kannten. So, dass die ominöse Helix nicht mehr aussah wie ein wild wachsender Weidenzweig. Die Sprossen für die spiralförmige Leiter der DNA waren endlich gefunden. Im Jahr 1962 sollten sie dafür den Nobelpreis erhalten.

Wettlauf gewonnen

"Jim erinnert mich immer wieder daran", schreibt Francis Crick, "dass wir danach sofort in unser liebstes Pub, das ,Eagle', gegangen sind und ich nach einigen Drinks allen Anwesenden lauthals verkündet habe, dass wir das Geheimnis des Lebens entdeckt hätten." Im Wettrennen um die Entschlüsselung der Erbgutstruktur sind die beiden ihrem härtesten Konkurrenten, Linus Pauling, zuvorgekommen.

Publiziert wird die Entdeckung am 25. April als kleine Notiz unter dem Titel "Eine Struktur der DNA von James Watson und Francis Crick" im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature. Getippt wird der nur 128 Zeilen und 900 Wörter lange Artikel zum Aufbau der Doppelhelix von Watsons Schwester Elizabeth. Nicht nur, weil sie mit der Schreibmaschine umgehen kann, sondern auch, weil ihr von den beiden eingeredet wird, dass sie auf diese Weise an dem wahrscheinlich größten Ereignis in der Biologie seit Darwins Buch über die Evolution beteiligt sei.

Ikone des Fortschritts

Mit der Veröffentlichung des Modells der heute so berühmten Wendeltreppe wird aber nicht nur das Zeitalter der Biotechnologie eingeläutet. Die DNA-Doppelhelix wird bald zur Ikone der wissenschaftlichen Kultur und des Fortschritts schlechthin. Zu Unrecht, vermeinen Skeptiker heute: Nach 50 Jahren Forschung und weiteren Einblicken in das Erbgut des Menschen stellten sich mehr Fragen, als Antworten gefunden worden seien.

Die Offenlegung der Struktur der DNA hat das Bild des Lebendigen jedenfalls weit gehend verändert. Sie hat die Biologie von einer beschreibenden Naturbetrachtung zu einer Technik werden lassen, die das Leben verfügbar erscheinen lässt. Das biologische Erbe - eine schier endlose Abfolge von Basenpaaren, von Buchstaben. Die Basen, zusammengepackt in Gene, kodieren für bestimmte Proteine, diese wiederum sind für Entwicklung und Funktion des Organismus verantwortlich. Das Manuskript des Lebens scheint offen dazuliegen: lesbar, kopierbar und - von diesen ersehnt, von jenen gefürchtet - sogar redigierbar.

Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Legionen von Wissenschaftern machen sich daran, das menschliche Erbgut vollends zu entziffern. Nicht als kleine Notiz wie seinerzeit, sondern mit gewaltigen Trommelwirbeln wird am 26. Juni 2000 die Entschlüsselung des menschlichen Genoms präsentiert. Über zig Seiten druckt Nature diesmal die rund drei Millionen Buchstaben ab: Ein vorläufiger und äußerst fehlerhafter Rohentwurf, wie man heute weiß, bis Freitag, dem 50. Jahrestag der Entdeckung der DNA-Struktur, hätte die vollständige Fassung vorliegen sollen. Hätte.

Weltweites Scheitern

Weltweit versuchen Mediziner, defekte Gene zu ersetzen. Sie scheitern immer wieder, vermeintliche Erfolge lassen sich nicht wiederholen.

Nicht von der Hand zu weisen sind jedoch Erfolge, die aus der DNA-Forschung resultieren. So hat, um nur ein Beispiel zu nennen, die Überführung von Tätern durch DNA-Fingerprintanalysen etwa das Rechtssystem zu einem großen Fortschritt verholfen. Und eines steht für Crick fest: "DNA wird die Welt verändern." Nur heute noch nicht. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2003)

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