Proteste gegen "Zensur" im spanischen Staatsfernsehen

25. Februar 2003, 13:15
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Keine Übertragung von Massendemonstrationen gegen Regierung

vergangenen Sonntag platzte selbst den Mitarbeitern des spanischen Staatsfernsehens TVE (Television Espanola) endgültig der Kragen: Alle spanischen Fernsehanstalten übertrugen an diesem Tag live aus Madrid die Massendemonstration gegen das als katastrophal angesehene Krisenmanagement der Regierung des konservativen Ministerpräsidenten Jose Maria Aznar (Partido Popular/PP) nach dem Tankerunglück der Prestige vor der galicischen Küste. Nur das Staatsfernsehen brachte zu diesem Zeitpunkt eine Wiederholung der letzten Gesangs-Gala "Operacion Triunfo".

"Manipulation, Zensur und Zurückhaltung von regierungsunfreundlichen Nachrichten"

In der galicischen TVE-Lokalredation beschwerten sich nun Hunderte Mitarbeiter über "Manipulation, Zensur und Zurückhaltung von regierungsunfreundlichen Nachrichten". Um die Gemüter zu beruhigen, besuchte sogar TVE-Generaldirektor José Antonio Sanchez die Redaktion und erklärte später, die Mitarbeiter seien eigentlich zufrieden mit der Berichterstattung. Die Antwort folgte sofort: "Das ist eine Lüge. Der Generaldirektor hat in Galicien kurz die Chefredakteure begrüßt, aber keinen von uns nach unserer Meinung gefragt", so eine Mitteilung der TVE-Belegschaft.

"Propaganda-Apparat"

Mittlerweile klagen auch die Oppositionsparteien im spanischen Parlament das Staatsfernsehen als "Propaganda-Apparat" der Regierung an. Die Anti-Kriegs-Demonstrationen, an denen vor zwei Wochen rund drei Millionen Spanier teilnahmen, wurden vom Staatsfernsehen ebenfalls nicht mit einer Live-Schaltung gewürdigt. Aus programmtechnischen Gründen konnte keine direkte Berichterstattung über die Massendemonstration gemacht werden, so Television Espanola. Gesendet wurde ein Programm über den Valentins-Tag.

"Es ist beschämend, dass das Staatsfernsehen live und stundenlang über die Hochzeit der Tochter von Ministerpräsident Aznar berichten konnte, allerdings nicht zehn Minuten über die größte und wichtigste Massendemonstration bringen konnte, die Spanien in den vergangenen fünf Jahren erlebt hat", so ein Sprecher der zweitgrößten Oppositionspartei IU (Izquierda Unida).

Auch die Sozialisten zeigten sich über so offensichtliche Manipulation und Zensur verärgert. "Aber es wundert mich fast gar nicht mehr. Die Regierung hat Angst vor der freien Meinungsäußerung und davor, dass Proteste gegen die Regierung wie auf der letzten Goya-Filmpreisverleihung live gesendet werden könnten", so eine Parlamentarierin der sozialistische Arbeiterpartei PSOE. Die beiden Oppositionsparteien fordern nun einen Untersuchungsausschuss gegen das Staatsfernsehen und die sofortige Entlassung des derzeitigen Nachrichten-Direktors Alfredo Urdaci. (APA)

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