Scherbengericht über deutsche Elite

25. Februar 2003, 17:05
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Bis zu 57 Millionen Euro Schaden soll dem Mannesmann-Konzern durch überhöhte Abfindungen für Manager entstanden sein - Auch Chef der Deutschen Bank vor Gericht

Berlin - Die Vorwürfe der Ermittler lesen sich wie Auszüge aus einem Wirtschaftskrimi: Untreue in besonders schwerem Fall und Beihilfe dazu wirft die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und IG-Metall-Chef Klaus Zwickel als ehemaligen Aufsichtsräten sowie Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser vor. Außerdem richtet sich die Anklage gegen Betriebsratschef Jürgen Ladberg und den früheren Mannesmann-Aufsichtsratsvorsitzenden Joachim Funk. Allein Esser hat im Zuge der Übernahme von Mannesmann durch den britischen Vodafone-Konzern im Jahr 2000 rund 30 Millionen Euro kassiert.

Der Chef der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, Hans-Reinhard Henke, beziffert den Schaden auf bis zu 57 Mio. Euro. Der Mindestschaden liege bei 38 Mio. Euro, sagte Henke. Er machte deutlich, dass es sich eigentlich um einen Fall von Korruption und Bestechlichkeit handle. Die Staatsanwaltschaft hatte die Anklage bereits am 17. Februar erhoben, damals aber noch keine Namen genannt.

"Rechtswidriges Verhalten"

Nach Ansicht des Staatsanwalts ist im Zuge der größten Übernahmeschlacht in der deutschen Wirtschaftsgeschichte Geld an Beteiligte wie Esser geflossen. Dadurch habe sich deren Widerstand zu einer Zustimmung gewandelt. Für ihn sei klar, "dass dieses Umschwenken mit Geldzahlungen verbunden ist". Die Aufsichtsräte hätten dies gebilligt, obwohl sie sich über dieses "rechtswidrige Verhalten" im Klaren hätten sein müssen.

Er (Henke?)geht davon aus, dass der größte Wirtschaftskrimi in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein Nachspiel hat. Dies würde dann "ein Scherbengericht über die Führungselite der deutschen Wirtschaft", so der Staatsanwalt. Damit kommt vor allem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann unter Druck, der die Vorwürfe bisher abstreitet. Das Strafmaß reicht bis zu zehn Jahren Haft.

Haftungsverschärfung

Die deutsche Regierung will auch als Konsequenz aus der Mannesmann-Affäre die persönliche Haftung von Vorständen und Aufsichtsratsmitgliedern für Falschinformationen verschärfen und den Anlegerschutz stärken. Justizministerin Brigitte Zypries und Finanzminister Hans Eichel stellten dazu am Dienstag ein Maßnahmenpaket vor. Geplant ist unter anderem, dass Anleger künftig nicht mehr zehn Prozent, sondern nur noch ein Prozent an einer Gesellschaft oder Aktien daran im Marktwert von 100.000 Euro besitzen müssen, um eine Haftungsklage durchsetzen zu können. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe 26.2.2003)

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    Muss vor Gericht: Der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann.

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