Zweifel über Alleintäter bei Berliner Reichstagsbrand

25. Februar 2003, 11:40
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Neue Fernsehdokumentation rüttelt an Thesen des Historikers Mommsen

Berlin - Siebzig Jahre nach dem Reichstagsbrand in Berlin werden erneut Zweifel an der Rolle des Niederländers Marinus van der Lubbe als Alleintäter laut. Der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Horst Möller, erklärte in einer Fernsehdokumentation den Fall für weiter offen.

Angesichts des riesigen Brandes am 27. Februar 1933 und der Brandgutachten halte er einen "Einzeltäter für sehr unwahrscheinlich", sagte Möller in einer Dokumentation des Südwestrundfunks (SWR), die an diesem Mittwoch ausgestrahlt werden soll.

"Gezielte Organisation"

Nach Möllers Einschätzung war für den Brand eine gezielte Organisation nötig. Die Argumentation des Publizisten Fritz Tobias, der 1959 eine Aufsehen erregende "Spiegel"-Serie über den Brand verfasst hatte, sowie das vom Historiker Hans Mommsen über den Anarchisten van der Lubbe als Alleintäter verfasste Gutachten seien nicht stichhaltig.

Danach soll der Holländer das Feuer mit einem brennenden Kleidungsstück in kurzer Zeit in Gang gebracht haben. "Jeder, der dieses Gebäude kennt, die Größe, die Massivität, der weiß, dass eine Brandstiftung in diesem Gebäude mit dieser Wirkung schon eine ganz gezielte Organisation voraussetzt."

"Brandschuttprotokoll"

Auch der Leiter der Berliner Feuerwehr, Albrecht Broemme, schließt in dem Film die in der Fachwelt weitgehend anerkannte These über einen Alleintäter aus. "Ein Einzeltäter ist bei dem bekannten Brandverlauf nicht vorstellbar." Nach einem im Bundesarchiv entdeckten "Brandschuttprotokoll" waren Reste der Namensschilder der Reichstagsabgeordneten im vorderen Bereich des Plenarsaals gefunden worden, obwohl sie dort nicht verwahrt wurden.

Diese Schilder sollen nach der bisher unbekannten Aussage eines 1933 ermittelnden Kriminalbeamten als Brandbeschleuniger benutzt worden sein. Nach Aussage von Broemme mussten die Brandbeschleuniger bei der schnellen Ausbreitung des Feuers an mehreren Stellen gezündet worden sein.

Drahtzieher Nazis

Die Nationalsozialisten hatten 1933 van der Lubbe, der zum Tode verurteilt und 1934 hingerichtet wurde (das Todesurteil wurde 1967 aufgehoben), als Handlanger der Kommunisten des Brandes bezichtigt. Auch die Nazis selbst waren immer wieder als Drahtzieher genannt worden. Hitler hatte den Reichstagsbrand knapp vier Wochen nach seiner Ernennung zum Reichskanzler dazu genutzt, mit dem danach erlassenen "Ermächtigungsgesetz" seine Macht zu festigen und sämtliche Bürgerrechte außer Kraft zu setzen.

Der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff, der im Leipziger Reichsbrandprozess den Hitlerismus in brillanter Weise entlarvte, wurde freigesprochen. Er war von 1935 bis 1943 Generalsekretär der Kommunistischen Internationale (Komintern) und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bulgarischer Partei- und Regierungschef. (APA/dpa)

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