"Sie existieren nicht"

25. Februar 2003, 13:07
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Wie der Amtsschimmel eine Spanierin ruinierte, weil ein Computer falsche Daten ausspuckte

Das Leben der Rosa Martin verlief in geregelten Bahnen. Die 54-jährige Spanierin war als Unternehmerin erfolgreich, auch privat stand sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern auf der Sonnenseite. Doch dies änderte sich, als sie eines Tages ihr neues Auto anmelden wollte. "Das ist leider nicht möglich", bekam sie von dem Beamten zu hören: "Sie existieren gar nicht."

12 384 080

Mit der Nummer ihres Personalausweises - 12 384 080 - spuckte der Computer einen anderen Namen aus, den eines Mannes. Martin hielt dies zunächst für einen leicht zu korrigierenden Fehler beim Verkehrsamt. Doch tatsächlich wurde daraus ein Albtraum.

12 384 804

Die 54-Jährige beschwerte sich - und bekam vom Einwohnermeldeamt einen neuen Ausweis mit der Nummer 12 384 804. "Die stimmt jetzt", hieß es. Tatsächlich habe es einen Fehler gegeben, als seinerzeit die handschriftlichen Ziffern in den Computer übertragen worden waren. Doch beim Verkehrsamt war auch unter dem neuen Ausweis jemand anders registriert. Also erhielt Rosa Martin - nach einem weiteren lästigen Behördengang - einen dritten. Diesmal mit der Zahlenfolge 12 348 080.

Kurze Freude

Ihr Auto konnte sie damit zwar anmelden. Aber die Freude über die zurückgewonnene Identität sollte nicht lange währen. Die anderen Nummern wurden nämlich nicht rechtzeitig aus dem weit vernetzten Computersystem der Verwaltung gelöscht. Nach dem Zufallsprinzip wurden sie an alle möglichen Behörden weitergegeben. Und selbst dabei leistete der Amtsschimmel ganze Arbeit, denn es kamen weitere Zahlendreher dazu.

12 384 040

Inzwischen ist Martin landesweit mit sieben verschiedenen Ausweisnummern registriert: Beim Arbeitsamt etwa mit der 112 384 080, beim Finanzamt mit der 12 234 080 oder bei der Fernuniversität mit der 12 384 040. Dabei wurde ihr auch zum Verhängnis, dass sie einen in Spanien weit verbreiteten Namen trägt.

Anfangs konnte sie darüber noch schmunzeln. Aber Rosa Martin ist das Lachen schon lange vergangen, denn das bürokratische Wirrwarr hat sie ruiniert - beruflich wie privat. Weil sie von dem Computer ständig für jemand anders gehalten wird, wurden etwa ihre zwei Häuser in Madrid und in Malaga an der Costa del Sol beschlagnahmt - um hohe Schulden einzutreiben, die fälschlicherweise ihr zugeschrieben wurden.

Kein Arbeitslosengeld

Ihre Firma hat sie auch verloren, aber das Arbeitsamt zahlt ihr kein Arbeitslosengeld, weil ihre Identität unklar sei. Überdies ging die Ehe zu Bruch.

"Mittlerweile sind mehr als 100 Anwälte und Gerichtsvollzieher hinter mit her"

"Mittlerweile sind mehr als 100 Anwälte und Gerichtsvollzieher hinter mit her", sagt Martin. 60 Verfahren sind gegen die verzweifelte Frau anhängig. "Ihr Leben besteht nur noch aus Zahlen", schrieb die Zeitung "El Pais", die den Fall ans Licht brachte. Manchmal habe sie an sich selbst gezweifelt, weil alle ihr die Schuld gaben, erzählt die 54-Jährige. "Sogar meine Kinder glaubten, ich sei verrückt."

"Tut uns Leid, aber die existiert nicht."

Nun ist sie in die Offensive gegangen: Sie verklagte das Innenministerium auf neun Millionen Euro Schadenersatz. Aus den Fängen der Bürokratie hat sie sich damit allerdings nicht befreien können. Als das Gericht die entsprechende Akte beim Ministerium anforderte, hieß es: "Tut uns Leid, aber die existiert nicht."(APA/dpa)

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El Pais

  • Der Amtsschimmel galoppiert

    Der Amtsschimmel galoppiert

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