Alberto Sordi 1920-2003

26. Februar 2003, 10:37
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Roms größter Filmkomiker verstarb im Alter von 82 Jahren

Rom - Kein anderer prangerte so humorvoll die nationalen Schwächen der Italiener an, kein anderer hielt seinen Mitbürgern so realistisch einen Spiegel vor die Augen: Italien trauert um seinen größten Filmkomiker, Alberto Sordi, der am Dienstag im Alter von 82 Jahren in seiner Villa in Rom gestorben ist. Seine Filme, in denen er meisterhaft die so typischen Verhaltensweisen seiner Landsleuten exemplifizierte, faszinierten ganze Generationen, weil sich jeder - von den Alpen bis Sizilien - in diesem redseligen, gestenreichen Schauspieler wieder erkennen konnte. Unzählige Male werden seine Filme im Fernsehen wiederholt, ohne dass sie an Glanz und Witz einbüßen.

"Albertone", wie ihn die Italiener liebevoll nannten, wurde 1920 in Rom geboren. Als 13-Jähriger wurde er dank einer Oliver-Hardy-Parodie entdeckt. Er schwänzte oft die Schule, um die Dreharbeiten in den römischen Kinostudios von Cinecittá zu beobachten. "Ich durfte in den Massenszenen der ersten Filme mitmachen", sagte er. Nachdem ihn Federico Fellini für "Die Müßiggänger" entdeckt hatte, führte seine Karriere steil nach oben. Zu den erfolgreichsten Sordi-Filmen zählt "Ein Amerikaner in Rom" (1954). In wenigen Jahren stieg der Schauspieler zum "König" der italienischen Komödie auf, die mit schwarzem Humor Witz und bittere soziale Kritik verband. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen auch "Roma", "Neros tolle Nächte", "Der Junggeselle" und "Vater wider Willen".

Keine Tabus

Als Schauspieler kannte Sordi keine Tabus. Missgeschicke und Grausamkeiten des Lebens, selbst äußerst dramatische Themen und Ereignisse konnte er mit unerschöpflicher Ironie darstellen, er brachte die Leute zum Lachen und regte sie zugleich zum Nachdenken an. Und dies in einem Italien, das nach Hunger und Arbeitslosigkeit in der Nachkriegszeit die Euphorie der 60-er und 70-er Jahre erlebte, um in beiden Jahrzehnten schwere soziale und politische Schwierigkeiten zu durchlaufen.

"Durchschnittsitaliener"

Über sechs Jahrzehnte lang verkörperte der wendige Sordi den typischen Durchschnittsitaliener: laut, opportunistisch, aber auch idealistisch, freigiebig und redegewandt. Ein Muttersöhnchen und Frauenheld, provinziell und hochbegabt in der Kunst des Überlebens. Sordi spielte an der Seite der schönsten italienischen Schauspielerinnen, von Sophia Loren bis Gina Lollobrigida, von Monica Vitti bis Claudia Cardinale. Doch heiraten wollte er nie. "Ich bin ein unverbesserlicher Junggeselle", sagte Sordi, der für seine Bonmots bekannt war: "Von den Frauen Geradlinigkeit zu verlangen, ist genauso, als wollte man beim Schach einem Springer vorschreiben, sich wie ein Läufer zu bewegen", pflegte er zu sagen.

Immer wieder führte er auch selbst Regie. Als Schauspieler trat er zum letzten Mal 1998 auf, seitdem lebte er eher zurückgezogen in seiner Villa in der Nähe der Thermen von Caracalla in der "Ewigen Stadt". In seinen letzten sechs Monaten war er schwer krank. "Ich denke oft an den Tod, aber ohne Furcht. Ich lebe jeden Tag mit dem Enthusiasmus eines Jugendlichen. Das Leben ist ein zu großes Geschenk, um es nicht zu genießen. Und als Katholik glaube ich an die Unsterblichkeit der Seele", sagte Sordi in seinem letzten TV-Interview. (APA)

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    Anmerkung zu
    Alberto Sordi
    (1920-2002)

    Wenn Sordi nun auch posthum von ganz Italien vereinnahmt wird, sollte doch erinnert werden, dass er einer der letzten der italienischen Starkomiker mit ausgeprägt regionaler Verwurzelung war. Sordi war in Tonfall, Mimik und Gestik der quintesseziell römische Komiker - so wie Totò der typisch neapolitanische: In Fellinis "Roma" etwa trat Sordi als Sordi auf.

    Der Siegeszug des Fernsehens brachte es sich mit sich, dass sich spätestens mit der Generation von Adriano Celentano eine homogenisierte, landesweit verständliche Form von Komik sich etablierte. Und da in Italien die Liebe zu regionaler Rhetorik wieder im Anstieg ist, sei des über 150 Filmrollen (laut IMDb) umspannende Oeuvres von Alberto Sordi gedacht.
    (~hcl~)

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