Ich machte die Auster auf

25. Februar 2003, 16:12
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Okay, nicht jeder mag die Mollusken in den Steinen. Aber: Wer sie liebt, sollte auch mit ihr kämpfen

In meinem Lieblings-Kochbuch, das eine tolle Frau aus Neuseeland geschrieben hat, in Frankreich gekauft und daher auch blöderweise in Französisch verfasst, fand ich einen Salat, der mir für den Anlass absolut geeignet schien: Einfach einerseits, da mit Gurken, Rucola und klein gehackter Schalotte, kompliziert andererseits, da auch noch mit Austern, die in Reismehl gewendet, kurz in Öl und Butter herausgebraten werden. Am Foto sah das jedenfalls toll aus, und Austern mag ich sowieso, weil ich erstens den kribbelnden Eiweiß-Schock und den Geschmack, der an eine im Meer gebadete, schöne Frau erinnert, doch ein wenig schätze und andererseits immer an die unprätentiösen Austernstände vom Montparnasse denken muss. Also dieser Austern-Salat. Und weil man ja ein Chef ist, kauft man die Austern selbstverständlich ungeöffnet, weil schließlich ist das Schluckerl Meerwasser da drinnen ganz was Feines, - liest man zumindest überall. Und so schwer kann das Aufmachen ja schließlich auch nicht sein ­ denkt man sich am Markt noch. Die wild gepflücken Austern natürlich, weil die um den gleichen Preis ein bisschen größer sind. Dass sie auch zerklüfteter sind, ist zum Zeitpunkt des Einkaufens noch kein Problem.

Okay, die Gästin kommt, hat zum Glück auch den Kettenhandschuh und das einschlägige Öffnungswerkzeug mitgebracht. Man legt dieses eigenartige Kleidungsstück an, das Messer in der Hand, man greift die erste Auster und ­ - äh? Keine Idee, wie man diesen nassen Stein seines köstliches Inneren berauben soll. Eine Kerbe, eine Öffnung, ein Schlitz, wo man mit dem Messer zumindest mal ansetzen könnte, ist nicht auszumachen, diverse Versuche schlagen fehl und führen nur dazu, dass gröbere Stücke von der porösen Kalkstruktur dieser seltsamen Kreatur abbrechen, sich in Bröseln und Splitter verwandeln und die Küche versauen.

Der Abend ist fortgeschritten, aber noch keine Auster offen. Panik steht vor der Tür. Dann, der erste Erfolg: Es gelingt, die Klinge zumindest zwei Zentimeter einzuführen, was die Molluske einstweilen noch wenig irritiert und sie im Gegenteil noch weiter motiviert, erstaunliche Kräfte zu mobilisieren, ihren hermetisch verschlossenen Zustand möglichst beizubehalten. Unter enormem Kraftaufwand,­ das T-Shirt ist mittlerweile nass geschwitzt,­ und eher unelegantem Hebeln bricht man die beiden Schalen entzwei. Hurra, die erste Auster! Das wertvolle Schluckerl Meerwasser vertschüsst sich übrigens sofort auf Kleidung, Arbeitsfläche und Küchenboden, und es ist einem zu diesem Zeitpunkt echt völlig egal.

Nun, ich hatte zwölf Stück gekauft. Zwei wurden ad hoc geschlürft, weil wir es irgendwie verdient hatten, und die restlichen zehn gingen zwar nicht unbedingt wie geschmiert, aber sie gingen auf. Als gangbarer Weg erwies sich, das Messer an der zum Gelenk entferntesten Stelle anzusetzen und einzuführen und dann ohne Rücksicht auf Verluste in Richtung Scharnier durchzuziehen. Der Salat war dann eh recht nett, ein bisserl fad vielleicht, die Gästin meinte jedenfalls, wir hätten die Austern besser so gegessen. Aber egal, das Gefühl des Stolzes war unbeschreiblich, und morgen hol ich mir noch mehr von den steinigen Muscheln.

Von Florian Holzer
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