Gendatenbanken sollen Bioattentäter überführen

24. Februar 2003, 19:33
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Forscher warnen: Täter könnten vor Gericht kaum verurteilt werden - es fehlten DNA-Daten

Denver - In der Diskussion über mögliche Biowaffenanschläge tauchte nun eine neue Frage auf: Was passiert mit den Terroristen? In Gerichtsverfahren könne ihnen derzeit kaum eine Täterschaft nachgewiesen werden, warnten Wissenschafter bei der vergangene Woche zu Ende gegangenen international größten Wissenschaftstagung, der Versammlung der American Association for the Advancement of Sciences.

1998 wurden ein palästinensischer und sechs bulgarische Ärzte eines ungewöhnlichen Bioverbrechens angeklagt: Sie sollen in Libyen 400 Kindern HIV-verunreinigtes Blut injiziert haben. Dieser Fall blieb bis heute ohne Verurteilung. Nicht zuletzt deshalb, weil die gerichtsmedizinischen Grundlagen zur Beweisführung unzureichend sind. Neue forensische Standards seien erforderlich, bevor Urheber einer Bioterrorattacke mit Anthrax, Pocken oder anderem vor Gericht angeklagt werden können, sagten Forscher.

Wissenschaftliche Methoden, um die Herkunft eines Viren- oder Bakterienstamms nachzuweisen, müssten völlig neu entwickelt werden, sagte Bruce Budowle vom FBI-Labor in Washington D.C: Es sollte ein nationales Archiv für Bakterien- und Virenstämme eingerichtet werden, auf das im Fall eines Angriffs zurückgegriffen werden kann. Zum Abgleichen der Erreger. Weiters sollte eine DNA-Datenbank von pathogenen Keimen und deren verschiedenen, auf der ganzen Welt verstreuten Stämme eingerichtet werden. Im Fall eines Anschlags könnte damit der Ursprung der Erreger ermittelt werden - ähnlich, wie bei einem Schussattentat über die Patrone auf die Waffe und somit möglicherweise auf den Waffeninhaber geschlossen werden kann.

Auch wenn DNA-Informationen vorliegen, können Prüfmethoden mehrdeutig sein, warnte hingegen HIV-Forscherin Bette Karber vom Los Alamos National Laboratory in New Mexico. Gene wie etwa die des HIV verändern sich sehr schnell. Dies macht es schwierig, von der am Tatort genommenen Probe auf die Herkunft rückzuschließen. Karber warnt davor, dass forensische Beweise schnell in sich zusammenfallen können: Es habe bereits Kontaminationen oder Probenvertauschungen in HIV-Gerichtsverfahren gegeben. "Man muss achtsam sein", warnte die Sachverständige. Viren wie HIV könnten auch bei Bioverbrechen eingesetzt werden, fürchtet Karber. "Wenn jemand mit der Absicht zu töten in ein Spital käme, wäre das durchaus möglich." (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 2. 2003)

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    montage: derstandard.at
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