Der letzte Opernerzähler

25. Februar 2003, 19:36
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Marcel Prawy: Showtalent, Eloquenz und Fachwissen verschmolzen bei ihm zu einer charmanten Vermittlungskunst

Entertainer und Opernkenner Marcel Prawy ist am Sonntag in Wien an den Folgen einer Lungenembolie gestorben. Showtalent, Eloquenz und Fachwissen verschmolzen bei ihm zu einer charmanten Vermittlungskunst, die ihn selbst zum Opernstar werden ließ.


Wien - Wenn er in Fahrt war - und er war es eigentlich immer, wenn er über Musik sprach - konnte er einem plausibel erklären, dass Zwölftöner Arnold Schönberg der Vorläufer von Michael Jackson ist. Dass dies ein wenig gewagt war, wusste man. Aber während des Vortrags, den Marcel Prawy kunstvoll entwickelte, hätte man die Behauptung unterschrieben.

Nach manchen seiner Ausführungen hätte man ja sogar geschworen, dass er auch in jener fernen Zeit dabei gewesen sein muss, als die Kunstform Oper, von der und in der er lebte, ihre erste Arie schmetterte. Zu Beginn des 17. Jahrhunders also. Er hätte es geschafft, einen auch davon zu überzeugen - nur etwas Redezeit hätte er dazu gebraucht.

Seine Überzeugungsarbeit basierte auf in bisweilen sophistische Eloquenz charmant verpacktes Wissen, dessen Quelle zweifellos eine sympathische Besessenheit war. Prawy war, so schien es, der größte Opernfan aller Zeiten, dessen Tagesablauf von dem "geliebten" Genre in Beschlag genommen wurde. Er promovierte 1934 (mit 25 Jahren) zum Doktor der Rechtswissenschaft, was nach Prawy allerdings terminlich nicht so einfach zu bewältigen war, denn es gastierte zur Prüfungszeit gerade an der Staatsoper der Tenor Benjamino Gigli.

Anwalt wurde Prawy nicht, interessanterweise auch nicht Musiker, sondern zunächst Sekretär des "geliebten" Sängers Jan Kipura. Damit ging aber ein Traum in Erfüllung: Als teilnehmender Beobachter und beobachtender Teilnehmer jener Kunstwelt, die ihn seit Stehplatzzeiten, die für ihn als Zwölfjähriger begannen, fesselte, war er nun im Epizentrum der verehrten "Zauberwelt" angelangt.

Kipura verdankte er, so Prawy einmal, als es in Österreich durch die Naziherrschaft langsam unerträglich wurde, nicht weniger als sein Leben. Kipura verhalf Prawy 1939 schließlich zur Ausreise nach Amerika. Man war also in Sicherheit, Kipuras Frau Marta Eggerth sang am Broadway, Prawy lernte auch das Musical kennen. Und das sollte später, als er nach Österreich in US-Uniform zurückkam, gewisse Folgen haben.

Die Obsession

1955 wurde er Dramaturg an der Volksoper, wo er mit Kiss Me Kate die erste wirklich große Musicalproduktion Europas initiierte und das Genre in Wien mitetablierte, das mit einer gewissen Reserviertheit betrachtet wurde. In diesem Punkt beharrte Prawy auf Offenheit, auf eine Gleichberechtigung von U- und E-Musik Das war ihm ein Anliegen. Diese Philosophie war womöglich ein US-Import.

Ungeachtet seines Engagements für das Musical blieb die Oper natürlich sein Obsessionszentrum, dem er sich von 1955 bis 1975 als Chefdramaturg der Staatsoper widmen konnte. In Matineen fand er schließlich jene Bühne, auf der er als vermittelnder Entertainer selbst zum Star wurde, der auch übers Fernsehen Zugang zum breiten Publikum fand - als eine Art lebendiges Opernlexikon mit Showtalent, das Sängern gerne auch Detailwissen über ihre eigene Bühnenbiografie vermittelte.

Nun, jedem ist offenbar nur ein gewisses Maß an Toleranz gegeben. Bei aller Offenheit, ein Freund der sperrigen Moderne war er nicht. Eine Oper war für ihn ein Werk, das mit Story und Melodie zu fesseln hatte, andernfalls es eben keine Oper war. Und: Moderne Opernregie konnte ihn zu ziemlich brutalen Formulierungen verleiten. Und in den letzten Jahren versäumte er keine Gelegenheit, sein Publikum aufzufordern, bei Opernaufführungen, deren Inszenierung ihm zu wenig werktreu schien, das Eintrittsgeld retour zu verlangen. Nötigenfalls vor Gericht.

Die Stofftiere

Auch solche Kampfaufrufe verpackte Marcel Horace Frydman, Ritter von Prawy, 1911 in Wien geboren, in einen freundlichen Plauderton, dessen Leichfüßigkeit wohl die Quelle seines Erfolges darstellt. Wenn es sein musste, plauderte er auch über sich selbst, erzählte, dass er gerne Stofftiere sammelt; schwärmte von seinem mit Musikinformation gefüllten Plastiksackerln, die seine Wohnung einigermaßen unbewohnbar machten und zum Musikarchiv werden ließen. Das war praktisch. Prawy musste im Sacher wohnen, seinem Büro, von wo er es dann nicht weit zu seinem wirklichen Hauptwohnsitz hatte - in die Direktionsloge der Staatsoper.

Wie viele es sind, die durch ihn erfuhren, dass ein Ring etwas ist, dass man nicht nur beim Juwelier, sondern auch in der Oper bewundern kann, ist schwer zu sagen.

Sicher ist: Er hat 27 Staatsoperndirektoren erlebt, "Zuhörer" als seine Berufsbezeichnung genannt. Sicher ist aber auch, dass er kein Genre kreiert hat - er war ein Genre für sich. Und das ist nun mit ihm gegangen. Marcel Prawy ist am Sonntag 91-jährig an einer Lungenembolie gestorben, im Rudolfiner-Krankenhaus. Er wird in einem Ehrengrab beigesetzt. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 25.02.2003)

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