Alter Falke Sharon

24. Februar 2003, 17:28
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Er könnte als zweiter Ben-Gorion zu überraschenden Kompromissen bereit sein - Von Ben Segenreich

So manches Wahlversprechen, das israelische Politiker sich von den Lippen ablesen ließen, wurde nonchalant gebrochen. Die Arbeiterpartei hat doch mit dem Likud verhandelt, obwohl sie - man kennt das in Österreich - nach einer Niederlage automatisch in die Opposition gehen wollte, die Mitte- rechts-Partei "Shinui" geht jetzt auch ohne die Arbeiterpartei in die Regierung, und Premier Ariel Sharon hat doch keine "nationale Einheitsregierung" zustande gebracht.

Erfüllt hat sich aber vorläufig die Erwartung, dass die vorgezogenen Wahlen wenig verändern würden. Im israelisch-palästinensischen Konflikt ist keine Bewegung möglich, solange die Welt und insbesondere die USA mit dem Irak beschäftigt sind, und dass "Shinui" die Orthodoxen hinausgeboxt hat, ist zwar innerisraelisch ein kleiner Umbruch, löst aber auch noch keines der anstehenden Probleme.

Wenn Sharon aber die Shass-Partei, lange Jahre die "natürliche Partnerin" des Likud, jetzt fallen lässt, dann signalisiert das immerhin, dass er sich etwas traut. Der alte Falke, der am Mittwoch seinen 75. Geburtstag feiert, strebt keine Wiederwahl mehr an, und das macht ihn unabhängiger.

Sogar vor dem Likud-Zentralkomitee, wo ihn das den Parteivorsitz hätte kosten können, hat Sharon ja schon von einem Palästinenserstaat gesprochen. Manche glauben, dass er auf seine alten Tage abgeklärt ist, als ein israelischer Charles de Gaulle oder, um im Lande zu bleiben, als ein zweiter David Ben-Gurion in die Geschichte eingehen will und zu überraschenden Kompromissen bereit ist, die dann natürlich nicht von seinen jetzigen rechten Koalitionsfreunden, sondern wieder von der israelischen Linken mitgetragen werden müssten.

Die Stunde der Wahrheit für Ariel Sharon wird aber erst dann kommen, wenn die Palästinenser ihre Führung reformieren und den Terror einstellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 25. 02. 2003)

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