Aufmerksamkeit als Programm

24. Februar 2003, 15:54
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Auf der Spur der toten Großmutter, die in psychiatrischen Kliniken der NationalsozialistInnen starb. Ein Interview mit der Autorin von "Das Umstellformat"

Eine Mutter und ihre erwachsene Tochter begeben sich auf die Spur der toten Großmutter. Diese starb in den psychiatrischen Kliniken der Nationalsozialisten. Über ihre Erzählung "Das Umstellformat" und ihre Arbeit als Psychiaterin sprach die Autorin Melitta Breznik mit Cornelia Niedermeier.

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Wien - Seit Jahren lebt Melitta Breznik als Psychiaterin in der Schweiz. Ihre genaue Wahrnehmung macht auch ihre Bücher zu seltenen Studien menschlicher Befindlichkeit. Vor acht Jahren präsentierte die aus Kapfenberg gebürtige Steirerin mit ihrem ersten Buch, Nachtdienst, die verstörend intensive Erzählung des Abschieds einer Tochter von ihrem stets alkoholisierten, gewalttätigen Vater. Es folgte Figuren, kurze, minimalistische Menschenporträts, und vor kurzem die Erzählung Das Umstellformat. Am Freitag las Melitta Breznik in der Alten Schmiede.

STANDARD: In Ihrem jüngsten Buch begeben sich die Erzählerin und ihre Mutter gemeinsam auf die Spuren der Großmutter, die während des Nationalsozialismus wegen Schizophrenie in die Psychiatrie eingeliefert wurde und zu Tode kam. Die Erzählung hat einen autobiografischen Hintergrund. Es war Ihre Großmutter.

Breznik: Ja. Weshalb ich auch lange nach einer geeigneten Form gesucht hatte. Ich habe mich schließlich dafür entschieden, sehr distanziert zu berichten, nicht interpretativ oder wertend oder psychologisierend.

STANDARD: Sie zitieren aus Originaldokumenten, aus Briefwechseln . . .


Breznik: Ich wollte keine Geschichte um das Material herum erfinden, sondern die Lücken belassen. Es wäre Verrat am Stoff, ihn zu einer leicht ess- und verdaubaren Geschichte zu fiktionalisieren.

STANDARD:Daher auch der sperrige Titel "Das Umstellformat"?

Breznik: Diesen Begriff finde ich sehr gelungen, er ist von meiner Großmutter. Natürlich ist er für einen Buchtitel etwas technisch. Das war auch zuerst ein Bedenken des Verlags: Man könnte glauben, es sei ein Fachbuch über Straßenbahnen oder über die neuere Relais-Entwicklung in der Sicherheitstechnik von Hochseilbahnen.

STANDARD: Die Großmutter verwendet ihn mehrfach sehr hellsichtig für die Umstellung, die die Nazis vornehmen . . .

Breznik: Das hat ein Wahn ja manchmal so inne, dass er Zusammenziehungen, Kurzschlüsse schafft. Gerade die Meta-Ebene der Abgehobenheit von tatsächlichen Realitäten in der Psychose führt dazu, dass Dinge aus einer Art Vogelperspektive sehr hellsichtig geschildert werden. Nicht von ungefähr ist die Tradition der Heiligen und Seher gut bestückt mit Menschen, die früher an Schizophrenie gelitten haben.

STANDARD: Sie arbeiten selbst als Psychiaterin in einer Klinik, wie die Erzählerin. Im Buch wechseln die Zeitebenen: Immer wieder erhält der Leser Einblicke in den Klinikalltag der Erzählerin. Auch hier stellt sich die Frage der Legitimität von Zwangseinweisungen.

Breznik: Während des Nationalsozialismus ist die Lage eindeutiger: Die Psychiatrie hat sich in die Handlangerschiene der Machthaber gestellt. Heute leben wir zwar in einer Demokratie - aber auch das demokratische System hat seine Gesetzmäßigkeiten, und die Frage bleibt: Wann stören die Menschen die Gesellschaft, wann werden sie in die Psychiatrie gesteckt.

Wann kriegt jemand einen "fürsorglichen Freiheitsentzug", wie das in der Schweiz heißt, wird eingewiesen und kann dann nicht mehr allein aus der Psychiatrie heraus? Es ist prekär, das als Psychiater zu entscheiden und ihn gegen seinen Willen in der Klinik zu behalten. Wer hat das Recht? Inwieweit bin ich Handlanger dieser Gesellschaftsform? Das muss man, wenn man in dieser Machtposition sitzt, immer wieder hinterfragen.

STANDARD: Die Macht liegt, in der Literatur wie in Ihrem Beruf, in der Sprache.

Breznik: Wir üben mit der Sprache eine enorme Macht auf. Gerade die Geheimsprache der Mediziner in ihrer Undurchdringlichkeit für Außenstehende hat ein unkontrollierbares Missbrauchspotenzial. Allerdings geht hier gerade ein Umbruch vor sich. Wenn man heute ein Medikament verordnet, kommt morgen der Patient mit Informationen, die er sich aus dem Internet geholt hat, mit Studien, die er da gelesen hat. Das ist gut. Der Arzt muss sich mit dieser Transparenz auseinander setzen, ist gezwungen, Rede und Antwort zu stehen. Damit wird die Macht der Ärzte beschränkt.
STANDARD:In allen Ihren Büchern fällt die große Genauigkeit auf, mit der Menschen über ihre Gesten, ihre Eigenarten wahrgenommen werden. Beschreibung statt Wertung als ästhetisches, aber auch als berufliches Programm?

Breznik: Die genaue Beobachtung ist natürlich Teil der "Berufsverblödung". Immer wieder hat man ja mit Menschen zu tun, die einem zuerst einmal nicht sympathisch sind. Wenn ich nun mein Interesse auf jemanden zentriere, dem ich unkontrolliert ganz vorurteilsbehaftet begegnen würde, verschwindet das Bedürfnis, zu urteilen, zu werten.

STANDARD: Sie waren ursprünglich praktische Ärztin, haben erst nach Ihrem ersten Buch mit der Psychatrieausbildung begonnen. Eine zufällige Paralle?

Breznik: Dahinter steht eine ausgeprägt humanistische Grundhaltung. Die Synthese aus Natur- und Geisteswissenschaft und die absolute Grenzerfahrung dessen, was der Mensch ist, was Menschsein heißt, haben mich immer sehr interessiert. Und ich habe das Gefühl, als Psychiater ist man wie ein guter Wein. Je älter man wird, desto mehr kann man sich entwickeln, kann sein volles Bouquet entfalten. Bei einem Chirurg beginnt, wie bei einem Sportler, nach 35 bereits allmählich der Abstieg. (DER STANDARD, Printausgabe vom 24.2.2003)

Melitta Breznik: Das Umstellformat. Erzählung. Verlag Luchterhand, München 2002, 138 Seiten, 16 Euro
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    foto: buchcover
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