Archäologische Notgrabungen in der Westbahn-Trasse

24. Februar 2003, 12:27
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"Wir vermuten Siedlungen aus der Bronzezeit. Aber eigentlich ist ab der Jungsteinzeit alles möglich"

Tulln - Wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander prallen, entsteht zwangsläufig eine Stresssituation. Zum Beispiel bei archäologischen Notgrabungen. Im Tullnerfeld bei Chorherrn kämpfen Mitglieder des Bundesdenkmalamtes seit einigen Wochen gegen die Zeit. Denn dort, wo sich möglicherweise bedeutsame Funde verbergen, bereiten Bagger gleichzeitig den Ausbau der viergleisigen Westbahn vor.

Auf einem rund 30.000 Quadratmeter großen und dreieinhalb Meter tiefen Areal werden zur Zeit "fundverdächtige" Stellen mit Begrenzungsbändern markiert. "Wir vermuten Siedlungen aus der Bronzezeit. Aber eigentlich ist ab der Jungsteinzeit alles möglich", sagt Grabungsleiter Oliver Plesl mit zittriger Stimme. Denn es ist klirrend kalt. Der Erdboden gleicht einer undurchdringlichen Betonschicht, an wissenschaftliches Arbeiten ist im Moment überhaupt nicht zu denken.

Aus der Luft erspäht

Im Spätherbst des Vorjahres erhob das Bundesdenkmalamt (BDA) mittels Luftaufnahmen, dass sich entlang der Hochleistungsstrecke, die ab 2011 Wien mit St. Pölten verbinden wird, alte Siedlungsregionen befinden. Etwa drei Monate später sind gerade einmal Pfostenlöcher und Hausumrisse erkennbar. "Den Boden kann man zur Zeit nur aufhacken - und da würden wir sicher einiges zerstören", so ein Mitglied der Grabungsmannschaft.

Das Warten auf Plusgrade macht die Archäologen nervös. Denn sie arbeiten ohnehin ständig unter großem Zeitdruck. "Wir definieren zwar die Zeitdauer für die Grabung, aber ewig geht das natürlich auch nicht", erklärt Christa Farka, Leiterin der Abteilung für Bodendenkmale im BDA. Ein wenig sorgenvoll blickt sie sich in dem riesigen Krater um. Die Kooperation mit der HL-AG sei aber sehr gut. "Das hat eigentlich schon Tradition", so Farka. Aber bei Gleisbauten könne man leider weniger Zeit "schinden" als bei Autobahnen.

Eile geboten

Mehr als Profile reinigen, Flächen abziehen und Verfärbungen festlegen geht bei solchen Temperaturen nicht. Kelle, Spachtel, Schaufel oder gar Pinsel haben bei Frost einfach keine Chance. Und oben an der Grubenkante stehen die Bagger und gemahnen an die tickende Uhr. Wenn die erste "Verdachtsfläche" ausgewertet ist, geht's ab zur zweiten, dann zur dritten und so weiter. Sobald Tauwetter einsetzt, wird sich eine kleine Gruppe immer über das jeweils angrenzende Areal hermachen - sozusagen den Boden aufbereiten.

Im Tullnerfeld verlief einst auch eine Römerstraße, was gelegentliche Streufunde an der Ackeroberfläche beweisen. "Es sind hier mehrere Siedlungshorizonte übereinander gelagert", weiß Plesl. Die fruchtbare - wenn auch im Moment auf Sparflamme reduzierte - Symbiose von HL-AG und BDA wird fast die ganze Strecke bis nach St. Pölten bestehen, denn auch im Perschlingtal hoffen die Wissenschafter fündig zu werden. (APA)

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