14.000 Seiten, 160 Forscher und 53 Berichte

24. Februar 2003, 11:23
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Expertengruppe wurde selbst zum "geschichtlichen Ereignis"

Wien - Die Historikerkommission wurde am 1. Oktober 1998 von der damaligen rot-schwarzen Regierung unter Bundeskanzler Viktor Klima (S) und Wolfgang Schüssel (V) als Vizekanzler eingesetzt. Als Mandat bekam sie mit auf den Weg, "den gesamten Komplex Vermögensentzug auf dem Gebiet der Republik Österreich während der NS-Zeit sowie Rückstellungen bzw. Entschädigungen (sowie wirtschaftliche oder soziale Leistungen) der Republik Österreich ab 1945 zu erforschen und darüber zu berichten".

Zum Vorsitzenden bestellte die Regierung den Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofs (VwGH), Clemens Jabloner. Ihm zur Seite standen insgesamt acht Historiker und Juristen als Mitglieder der Kommission bzw. "ständige Experten". Die Historikerkommission entwickelte sich darüber hinaus aber zu einem bedeutenden Arbeitgeber für Historiker: An den 47 Projekten, aus denen 53 vorerst im Internet (http://www.historikerkommission.gv.at) veröffentlichte Berichte hervorgegangen sind, haben 160 Forscher gearbeitet.

Die Einsetzung der Kommission fiel in eine Phase, in der auch andere Staaten sowie Unternehmen begonnen haben, dem zuvor weniger beachteten Vermögensentzug durch die Nationalsozialisten verstärktes Augenmerk zu schenken. Wesentlich Ausschlag gebend dafür waren die in den USA von Anwälten wie Ed Fagan angedrohten und auch tatsächlich eingebrachten Sammelklagen von NS-Opfern. Auf eine österreichische Kommission drängte dann nicht zuletzt der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Ariel Muzicant.

Die Historikerkommission war in der Folge auch mehr als nur eine Plattform von Wissenschaftern, die ein wenig erfreuliches Kapitel österreichischer Zeitgeschichte erforscht haben. Sie ist selbst zum "geschichtlichen Ereignis" geworden, heißt es dazu im 450 Seiten starken "Schlussbericht", der so etwas wie eine Zusammenfassung versucht: "Selten wird die Geschichtsforschung selbst in einer so unmittelbaren und expliziten Weise Teil eines mit dem untersuchten Gegenstand in engster Verbindung stehenden historischen Prozesses."

Der Rückzug in den sprichwörtlichen "Elfenbeinturm" sei auch gar nicht gewollt gewesen, heißt es da. In diesem Sinne hat die Kommission etwa die Verhandlungen über die Entschädigungen für NS-Zwangsarbeiter und das Washingtoner Restitutionsabkommen begleitet. Die Experten der Kommission saßen zum Teil mit am Verhandlungstisch. Zeitgerecht veröffentlicht wurden auch die jeweiligen Teilberichte.

Die Arbeit der Kommission hat in Summe knapp 6,5 Millionen Euro gekostet. Die Berichte sind - mit Ausnahme der bereits vorab publizierten - vorerst nur im Internet verfügbar, werden vermutlich im Lauf dieses Jahres aber auch gedruckt vorliegen. Ergebnis der Arbeit sind auch eine Reihe von Datenbanken, die online zugänglich gemacht werden sollen.(APA)

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