"Amerika hat immer Recht"

24. Februar 2003, 09:56
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"Süddeutsche Zeitung" über Allende und Kissinger, Colin Powell und die Geschichte...

München - "Auch wenn es die Politik manchmal verlangte, eine Despotie wollten die USA nie sein, sondern die Besseren", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Bei einer Fernsehdiskussion habe ein amerikanischer Schüler vergangene Woche Außenminister Colin Powell gefragt, mit welchem Recht sich die USA in der Irak-Frage eigentlich "moralisch überlegen" fühlten. Zu Demonstrationszwecken verwies der Schüler auf den Putsch in Chile vor dreißig Jahren, bei dem die USA gegen den Willen der chilenischen Bevölkerung gehandelt hätten. Powell erwiderte: "Was ihre Bemerkungen zu Chile in den siebziger Jahren und zum Schicksal (Präsident Salvador) Allendes betrifft, so ist das ein Teil amerikanischer Geschichte, auf den wir nicht stolz sind..."

Weil der Sozialist Allende die Verstaatlichung der Kupferminen angekündigt hatte, deren Ausbeutung US-amerikanische Firmen besorgten, wurde "im fernen Washington der Entschluss gefasst, diesen Mann, gewählt oder nicht, an verhängnisvollen Entscheidungen zu hindern. Das war zwar nicht demokratisch, aber Staatsräson. Oder wie es Henry Kissinger, der damalige Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, formulierte: Wir überlassen ein Land 'doch nicht den Marxisten, nur weil sein Volk sich unverantwortlich verhält'. (...) Kissinger verabredete mit der CIA eine Reihe von Maßnahmen zur Destabilisierung der chilenischen Wirtschaft und schließlich zum Staatsstreich..."

"Eine persönliche Haftung"

"Das alles und noch viel mehr hat der so menschenfreundliche wie verantwortungsvolle Dr. Kissinger mitvollbracht, der, inzwischen zum Außenminister befördert, im Oktober 1973, einen Monat nach Allendes Tod, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Als ihn bei einem Besuch in Paris vor zwei Jahren ein Richter vorladen und nach dem Verschwinden auch französischer Staatsbürger in Chile befragen wollte, verwies Kissinger auf das US-Außenministerium als die zuständige Instanz und verließ vorsichtshalber das Land. Chile, Allende, Pinochet: das war Politik, und dafür gibt es keine persönliche Haftung. Mit großer Verspätung hat sich aber jetzt das von Kissinger angerufene Außenministerium für den Fall zuständig erklärt. 'Wir sind nicht stolz darauf', aber es ist Teil der amerikanischen Geschichte..."

"Der Geostratege Henry Kissinger wird wegen seiner erfolgreichen Politik nicht mehr vor Gericht kommen. Vergangene Woche hat sein Amtsnachfoger zum ersten Mal eingeräumt, dass sich Kissinger und die US-Regierung nicht im Geiste (Präsident Thomas) Jeffersons (Anfang des 19. Jahrhunderts), sondern eher wie ein despotisches Gewaltregime verhalten haben. Die USA übernehmen die Staatshaftung. Amerika ist gut, und Colin Powell ein echtes Vorbild." (APA)

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