Die Töchter auf dem Schirm

16. Oktober 2008, 16:03
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Software-Lösungen erleichtern das Treasury Management in einem weltweit tätigen Konzern ganz wesentlich. Die Lenzing AG hat kürzlich auf ein neues System umgestellt

Die Kontoauszüge der tschechischen Tochtergesellschaft mit einem Mausklick tagesaktuell auf dem Bildschirm haben - beim oberösterreichischen Faserhersteller Lenzing AG ist dieser Traum jedes Treasury Managers bereits Realität. Seit man im Frühjahr auf eine neue Software umgestiegen ist, geschieht die gesamte Verwaltung über ein System. "Wir hoffen, dass dadurch der Jahresabschluss um einiges erleichtert wird", sagte Risikomanagerin Martina Stammler in der vergangenen Woche auf einem Treasury-Fachevent in Linz.

Wachstum machte Umstellung nötig

Bis 2004 hatte das oberösterreichische Unternehmen neben dem Stammsitz in Lenzing weitere Standorte nur in Heiligenkreuz sowie auf Indonesien. Durch den starken Wachstumskurs mit den vielen Zukäufen in den letzten Jahren sei aber dann der Punkt erreicht worden, an dem es nicht mehr ging - eine neue Software wurde benötigt. "Einerseits war es mit der alten nicht mehr zu schaffen, andererseits sollten damit natürlich auch wieder Ressourcen freigeschaufelt werden", erklärte Treasury-Leiter Franz Kalleitner im Gespräch mit derStandard.at.

Der Anbieter-Markt wurde sondiert, Angebote eingeholt. Dabei sei rasch eines klar geworden, so Kalleitner: "Es gibt extrem viele Anbieter, die aber nahezu allesamt für unsere Firma schlicht 'zu große' Systeme im Programm haben. Aber warum soll ich für ein System viel Geld zahlen, das ich ohnehin nur zu zehn Prozent nutzen kann?" Letztlich seien drei Anbieter übrig geblieben: Eine Firma in Großbritannien, eine in Deutschland - und die ecofinance GmbH mit Hauptsitz in Graz.

Letztere habe schließlich den Zuschlag bekommen, weil sich die geographische Nähe als von größter Relevanz herausgestellt habe. Außerdem habe man sich bei Referenzkunden der ecofinance das System bereits im Echtbetrieb ansehen können, was auch ein nicht zu unterschätzender Faktor gewesen sei, so Kalleitner.

Nicht nur FX-Management

Zuerst wurde nur ein Tool für das Fremdwährungs-(FX-)Management gewünscht. Durch die Zukäufe stieg dessen Komplexität nämlich stark an, es wurde zum Beispiel im Lauf der Zeit auch eine Absicherung gegen das britische Pfund nötig. Allerdings passiert nach wie vor der Großteil auf Basis des US-Dollars, "99 Prozent unseres Währungshedgings macht der Dollar aus", so Stammler.

Während der Entwicklung der Software sei man dann draufgekommen, "dass auch ein Cash-Management-Tool nicht schlecht wäre", berichtete die Risiko-Controllerin weiter. Und auch das Kontrakt-Management musste vereinfacht werden, "die Kreditverwaltung war bisher sehr aufwändig und fehleranfällig". Dabei sei es nicht unbedingt so, dass man den Töchtern Fehler unterstellte. "Aber es kann sich ja auch einfach einmal jemand vertippen".

Jetzt werden unter anderem das Fremdwährungs-Management, die Commodity-Absicherung, das Financial Risk Management sowie langfristige Veranlagungen und Kreditaufnahmen von nur drei Mitarbeitern im zentralen Treasury-Management in Lenzing abgewickelt, das auch ganz allgemein konzernweite Richtlinien erstellt. Sämtliche Daten von den 190 Geschäftskonten bei 60 Partnerbanken laufen hier zusammen. Dezentral, also von den aktuell 52 Tochtergesellschaften, erfolgen das Cash Management und die Liquiditätsplanung. Selbstverständlich redet man bei der Finanzierung der Tochterfirmen - allesamt eigenständig finanziert - ein gehöriges Wort mit. Mit welcher Bank Geschäfte gemacht werden, legt letztlich die Zentrale fest. "Der Erstkontakt kann von der Tochter kommen, aber ein Signing ohne die Zentrale gibt es nicht", erklärte Kalleitner.

"System muss mitwachsen"

Die ecofinance GmbH ist eigenen Angaben zufolge führender Softwareentwickler im Treasury Management im deutschen Sprachraum. Das von ihr entwickelte Integrierte Treasury-System (ITS), das nun auch die Lenzing AG einsetzt, bietet vor allem für international tätige Unternehmen Lösungen für die effiziente Abwicklung ihrer Finanzprozesse.

Für Treasury-Manager in anderen Unternehmen, die die Anschaffung einer neuen Software überlegen, hat Martina Stammler ein paar Tipps parat: Das Reporting muss genau abgestimmt werden, und es sollte auch bedacht werden, dass das System "mitwachsen" könne, "die Weiterentwicklung ist ein permanenter Prozess". Außerdem müsse man einkalkulieren, dass die gesamte Umstellung "sehr zeitintensiv" sei und daneben "nicht mehr viel Zeit für die tägliche Arbeit" bleibe.

Treasury in Zeiten der Krise

Die tägliche Arbeit, die in Zeiten der Finanzmarktkrise noch ein bisschen mehr geworden ist, wie Kalleitner schließlich noch schilderte. "Von Seiten unserer Bankpartner hören wir jetzt schon öfter, dass dieses oder jenes nicht durchführbar ist oder nicht im vereinbarten Rahmen." Beizeiten liegt der Grund dafür, dass er sich in diesen Tagen nicht im vollen Umfang seiner Arbeit widmen kann, aber auch ganz woanders: "Mittlerweile rufen auch Kollegen an und fragen, ob ihr Sparbuch noch sicher ist." (Martin Putschögl, derStandard.at, 16.10.2008)

  • Martina Stammler und Franz Kalleitner, Treasury Manager bei der Lenzing AG.
    foto: ecofinance/molzbichler

    Martina Stammler und Franz Kalleitner, Treasury Manager bei der Lenzing AG.

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