Niemals einen Republikaner wählen, außer es ist Bill Clinton

16. Oktober 2008, 10:11
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Gemeinsames Fernsehen mit Obamaniacs: Steuern sind gut und Veränderung auch - Was auch immer mit "Change" gemeint ist - Eine Reportage aus New York

Hinter dem roten Samtvorhang hängen Barack Obama und John McCain an der Wand. Genauer gesagt, werden die beiden Präsidentschaftskandidaten auf eine zwei mal drei Meter großen Leinwand projiziert. Davor sitzen 15 Obama-Anhänger in großen, weichen Sofas. In der Loki-Lounge im New Yorker Stadtteil Brooklyn läuft die letzte Debatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten. Die Wände des Lokals sind holzvertäfelt, das Licht gedimmt. Hinter der Bar reiht sich dicht an dicht Hochprozentiges. Um exakt neun Uhr verschwinden die Baseball-Spieler von den Fernsehschirmen und machen Platz für den medialen Wahlkampfshowdown: Die letzte Chance für McCain medial wieder an Boden gegenüber zu gewinnen. Aktuellen Umfragen zufolge führt Obama mit mehr als sieben Prozent.

"Vor vier Jahren war meine Stimme gegen Bush. Diesmal ist sie für Obama", versucht Michael Soaries in der Pause zwischen zwei Billard-Runden noch vor Beginn der Debatte zu erklären. Der 50-jährige Webdesigner und Fotograf hat auf der Website von Barack Obama zum gemeinsamen Debatten-Schauen eingeladen. "Es wäre einfach unglaublich, wenn diesmal wirklich ein Schwarzer gewinnt." Obwohl er Obama unterstützt, hat Soaries noch Zweifel, dass er es wirklich schafft. Dass Obama Präsident wird, glaubt er erst, wenn er seine Hand auf die Bibel legt und den Amtsschwur leistet.

Bei Obama machen Steuern Spaß

Warum er Obama unterstützt? "Wenn ich ihm zuhöre, ist es mir wirklich ein Bedürfnis meine Steuern zu zahlen", sagt er und lacht. Obama sei jemand der parteiübergreifend Lösungen suche und es sei Zeit, dass sich etwas verändert. Dass niemand so genau weiß, was sich genau verändern solle, stört hier niemanden. Es geht um einen Neubeginn.

"Die Menschen verlangen nach etwas, das sie inspiriert. Es genügt schon Veränderung zu versprechen", stimmt Heather Siedenburg ein und nimmt einen Schluck von ihrem Rotwein. Der 31-jährigen Medizinstudentin liegt die Reform des Gesundheitswesens am Herzen: Ich sehe, dass die Versicherungen nicht zahlen wollen, Spitäler zum Teil ums Überleben kämpfen und die Patienten überwiegend nicht versichert sind, weil sie sich die Raten nicht leisten können. Da läuft derzeit vieles schief. Während der Debatte ist es ruhig. Es wird kaum geplaudert.

In regelmäßigen Abständen fragt die Kellnerin im Flüsterton, ob "everything alright" sei. Für Lacher sorgen McCains Sorge um "Jo the Plumber", den Durchschnittsamerikaner. Ihm müsse mit einer Steuerreform unter die Arme gegriffen werden. Zwischenapplaus gibt es, als Obama seine Beziehung zu William Ayers klarstellt. Obama war in der vergangenen Woche vorgeworfen worden, Ayers, einem Linksradikalen aus den 60er Jahren nahezustehen. Obama: Die Vorwürfe seien nicht haltbar und würden mehr über das McCain-Lager als über ihn selbst aussagen.
Als McCain mit dem simplen Sager "Im not President Bush", auf die Vorwürfe Obamas reagiert, McCain würde wirtschaftspolitisch die Fortsetzung des Bush-Kurses der vergangenen acht Jahre bedeuten, gibt es einige Lacher im Publikum. "Ach wirklich?", ist hier Skepsis verbreitet.

Verirrter McCain-Anhänger

Unter all die Obamaniacs hat sich unbemerkt auch ein McCain-Anhänger verirrt. Während es drinnen gerade um die Gesundheitspolitik geht, gönnt sich der 25-jährige Mandal Paris eine kurze Rauchpause im Innenhof des Lokals. Den Blick durch die offene Tür immer noch auf die Leinwand gerichtet, erklärt der Immobilien-Makler mit Baseball-Cap und Dreitagebart, warum er McCain wählen wird: "Mir gefällt nicht, dass Obama die Steuern erhöhen will. Das ist schlecht für die Wirtschaft und für Unternehmen. Das würde mich auch direkt betreffen," sagt Paris, schnippt seine Zigarette in weitem Bogen auf den Asphalt und kehrt ins Innere des Lokals zurück.

Dort ist es überwiegend ruhig und gelassen. Die Zuschauer haben es sich in den Sofas bequem gemacht und nippen an ihren Getränken. Laute Zwischenrufe sind nicht zu hören. Nach 90 Minuten ist die Show vorbei: McCain sei angriffiger gewesen als in den vergangenen Debatten, ist in zahlreichen Kommentaren zu lesen. Eric Jordillo hat sich die Konfrontation allerdings noch aggressiver und angriffiger vorgestellt. Vor allem wenn man bedenkt, dass das die letzte war, sagt der 28-Jährige fast ein bisschen enttäuscht. Seine Wahlentscheidung kann das aber nicht beeinflussen: "Ich werden niemals einen Republikaner wählen, außer es ist Bill Clinton". (Michaela Kampl, derStandard.at, 16.10.2008)

  • Auch wenn viele Kommentatoren von einer aggressiven Debatte schreiben. Den Besuchern in der Loki-Lounge war es zum Teil zu fad.
    foto: derstandard.at/kampl

    Auch wenn viele Kommentatoren von einer aggressiven Debatte schreiben. Den Besuchern in der Loki-Lounge war es zum Teil zu fad.

  • Der 28-jährige Eric Jordillo hat sich eine härtere Auseinandersetzung
erwartet. Aber: Ich werde niemals einen Republikaner wählen, außer es
ist Bill Clinton.
    foto: derstandard.at/kampl

    Der 28-jährige Eric Jordillo hat sich eine härtere Auseinandersetzung erwartet. Aber: Ich werde niemals einen Republikaner wählen, außer es ist Bill Clinton.

  • Das Gesundheitssystem braucht eine Menge Reformen, ist sich die 31-jährige Medizinstudentin Heather Siedenburg sicher.
    foto: derstandard.at/kampl

    Das Gesundheitssystem braucht eine Menge Reformen, ist sich die 31-jährige Medizinstudentin Heather Siedenburg sicher.

  • Viel Holz, weiche Sofas und ein bisschen Politik.
    foto: derstandard.at/kampl

    Viel Holz, weiche Sofas und ein bisschen Politik.

  • Wenn Michael Soaries Obamas Reden hört, machen Steuern wieder Sinn.
    foto: derstandard.at/kampl

    Wenn Michael Soaries Obamas Reden hört, machen Steuern wieder Sinn.

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