Das Bankenland schnürt kein Rettungspaket für den Finanzmarkt und berät allein über höhere Einlagensicherung
Banker hasten in der Abenddämmerung über den Zürcher Paradeplatz, die blau-weißen Trams rattern durch ihre Spur, und im Café Sprüngli schlemmen die Gäste feine Torten. Es ist ein Bild wie an vielen anderen Tagen, hier im Zentrum des Schweizer Finanzkapitalismus. Doch viele Manager haben ihre gute Laune wiedergefunden, nachdem sie wochenlang Horrormeldungen über die globale Finanzkrise verdauen mussten.
"Der Montag war ein grandioser Tag, mal sehen ob es jetzt weiter bergauf geht", sagt ein Bank-Angestellter. Im Hintergrund prangt der Schriftzug Credit Suisse, um die Ecke residiert die UBS. Der vergangene Montag ging tatsächlich in die Geschichte des Schweizer Aktienmarktes ein: Nie zuvor raste der Swiss Market Index (SMI) so rasant nach oben: Er gewann mehr als 600 Punkte und schloss um 11,4 Prozent besser ab als am Freitag zuvor. Besonders kräftig legten die Werte der Großbanken Credit Suisse und UBS und auch der kleineren Bank Julius Bär zu. Am Mittwoch gab der Index aber wieder ab. Und am letzten Börsentag der vergangenen Woche war er auf den tiefsten Stand seit Oktober 2004 gerutscht.
Beflügelt wurde die Schweizer Börse von den News über die Stützungsaktion Europas Regierungen für ihre Geldhäuser: Das Bankenland im Herzen Europas profitiert wieder einmal von der Politik der EU - selbst gehört die Schweiz freilich nicht dazu. Und: Sie will als einziges europäisches Land mit großer Finanzindustrie keine staatliche Rettungsaktion für seine Banken auf den Weg bringen. "Warum soll man Geld hineinpumpen, wenn es nicht nötig ist?", fragt Bundespräsident Pascal Couchepin im Schweizer Fernsehen. Couchepin hielt sich in der Finanzkrise lange Zeit bedeckt. Im Gegensatz zu den Regierenden in Europa und den USA vermieden es die Bundesräte auch, Finanzmanagern die Leviten zu lesen. "Manchmal ist Schweigen besser", fasst Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard die Strategie des Regierungsgremiums zusammen. Immerhin wollen die Bundesräte über eine höhere Einlagensicherung beraten. Noch schützt der Staat Bankguthaben bis 30.000 Franken.
Rückendeckung erhält das Kabinett aus der Finanzbranche. Der Präsident der Schweizer Bankiervereinigung, Pierre Mirabaud, beruhigt seit Wochen. "Die Schweiz steht viel besser da als viele Länder", sagt der oberste Banker. "Ich bin überzeugt, dass keine Schweizer Bank zusammenbrechen wird." Grund: Die meisten der 320 helvetischen Institute ließen von riskanten US-Geschäften und dem Investmentbanking die Finger.
Doch Mirabaud, der selbst eine Genfer Privatbank leitet, vergisst nicht, auf Großbanken zu verweisen: Die global agierenden Schwergewichte UBS und Credit Suisse wurden in der Subprime-Krise in den USA heftig durchgeschüttelt. Die UBS bezahlte für ihr riskantes Geschäft mit Ramschhypotheken einen hohen Preis: Über 40 Mrd. Dollar musste sie im US-Geschäft abschreiben. Marcel Ospel, Präsident des UBS-Verwaltungsrates, hatte seinen Posten zu räumen.
Doch je stärker die Finanzkrise an der Wall Street eskalierte, umso ruhiger wurde es um den Zürcher Paradeplatz. "Die Zitterpartie um die UBS scheint vorbei zu sein", analysiert Bankenexperte Hans Geiger. "Es war eine brutale Zeit für die UBS, sie hat sich aber schnell wieder kapitalisiert." (Jan Dirk Herbermann, Zürich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2008)