Toyo Ito: "Architektur muss wieder mehr Spaß machen"

15. Oktober 2008, 19:15
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Der japanische Architekt bekam in Wien den Friedrich-Kiesler-Preis - und hielt einen Vortrag

Wien - Nach Frank O. Gehry, Cedric Price, Olafur Eliasson u. a. erhielt am Donnerstag Toyo Ito (67) den mit 55.000 Euro dotierten Friedrich-Kiesler-Preis für Architektur und Kunst von Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny überreicht.

Er habe sich, so der japanische Architekt zum Standard, bereits Ende der 1960er-Jahre mit Friedrich Kiesler auseinandergesetzt, dessen Arbeiten aber erst unlängst anlässlich der Preisverleihung wieder eingehender studiert: "In der Art, wie Kiesler mit Körper und Sinnen in seinen Räumen umgegangen ist, fühle ich mich seinem Denken durchaus sehr nahe."

Toyo Ito zählt zu den bekanntesten Architekten Japans. Seine Gebäude zeichnen sich nicht nur durch die in diesem Land traditionell atemberaubend präzise Materialverarbeitung, sondern auch durch neue, überraschende Konstruktionen aus.

Die außergewöhnlichen Raumkonzeptionen, die sich daraus ergeben, zählen zum Feinsten und Avantgardistischsten, was die zeitgenössische Architektur zu bieten hat. Eines der raffiniertesten Beispiele ist Itos 1986 eröffnete Mediathek in Sendai, Japan: Ein vermeintlich einfacher Kubus wird von 13 Gitterröhren unterschiedlichen Durchmessers durchstoßen und getragen und gleichzeitig mit Licht und allen erforderlichen Installationen versorgt.

Die Mediathek setzt ein meisterliches Exempel dafür, dass Architektur über geeignete Räume neue Handlungs- und Kommunikationsformen ermöglicht, ja geradezu herausfordert. Und eben darum geht es dem Japaner: Architektur ist für ihn nichts weniger als die Übersetzung von kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen in das Medium des Bauens.

"Im übergeordneten Sinn", so Ito, "ist die Architektur Teil der sozialen Ordnung, im besten Fall macht sie diese sichtbar."

Außerdem glaube er, dass Architektur prinzipiell wieder mehr Spaß machen müsse: "Die Menschen suchen danach, speziell was öffentliche Gebäude anlangt." Gemeint sei damit allerdings nicht die weitverbreitete oberflächliche Spektakelarchitektur, sondern die tatsächliche räumliche Abbildung gesellschaftlicher Prozesse.

Ito: "Man muss als Architekt versuchen zu verstehen, was gerade passiert, dann noch einen Schritt weitergehen und auch in der Architektur eine neue Ordnung finden." Es reiche nicht, wenn Häuser lediglich interessant ausschauen.

Im Fall der Mediathek habe er persönlich den unbedingten Glauben an die Benutzer von Architektur zurückgewonnen, denn vom Eröffnungstag an sei das Gebäude angenommen worden.

Weitere bekannte Projekte des Japaners sind etwa das TOD's-Gebäude in Tokio, dessen Hülle an die Struktur dort heimischer Bäume erinnert. Internationalen Ruhm brachte ihm aber vor allem der 1986 eröffnete, temporär konzipierte Turm der Winde in Yokohama: ein gläserner Zylinder mit oszillierenden Lichtelementen, die auf Windstärke und -richtung reagierten, und der 1990 wieder abgerissen wurde.

Er fühle sich all dem, was die Natur biete, sehr nahe, und er wolle in seinen Arbeiten keineswegs zu expressiv sein, sagt der Architekt. "Wir können etwas gemeinsam erfahren, die Leute, die meine Architektur benutzen, und ich selbst."

Toyo Ito hielt am Donnerstag um 19 Uhr im Audi Max der TU Wien einen Vortrag mit Titel Generative Order. In der Kiesler Stiftung ist bis 13. 2. die Ausstellung Fluid Space zu sehen. Der Kiesler-Preis wird seit 1998 biennal abwechselnd von Republik und Stadt Wien vergeben. Er wurde auf Wunsch von Kieslers Witwe Lillian 1997 etabliert. (Ute Woltron / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2008/ red)

  • Ito: Architektur ist Teil der sozialen Ordnung
    foto: toyo ito & associates

    Ito: Architektur ist Teil der sozialen Ordnung

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