Paare putzen besser

15. Oktober 2008, 19:00
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Putzerlippfische reinigen ihre "Gäste" meist im Duo: Forscher entdeckten nun, warum die Kooperation so gut klappt - und welchen erstaunlichen Hintergrund sie bei den Fischen hat

London/Neuchâtel - Das war wieder einmal höchste Zeit: Am Kopf und an den Flanken des Papageifisches haben sich zahlreiche parasitische Kleinkrebse festgesetzt. Kein Wunder also, dass sich der Flossenträger an der "Putzstation" eingefunden hat. Nun verharrt er fast regungslos über den Korallen, während zwei hübsch gestreifte kleine Lippfische der Art Labroides dimidiatus die Plagegeister wegpicken und fressen. Für den großen Besucher ist die Prozedur zweifellos eine Wohltat. Plötzlich aber schüttelt es ihn, und er verschwindet. Was ist passiert?

Vorliebe für Hautschleim

Die Putzarbeit der Lippfische mag wie ein klassischer Fall von Mutualismus - also von Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Arten zum Nutzen beider - aussehen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Reinigungskräfte beschränken sich nämlich nicht nur auf die Parasiten. Putzerlippfische haben eine ausgesprochene Vorliebe für den Hautschleim ihrer Kunden (vgl. "Proceedings of the Royal Society B", Bd. 270, S. 242).

"Der ist ziemlich nahrhaft und enthält auch interessante Stoffe wie zum Beispiel Antibiotika", erklärt der Verhaltensforscher Redouan Bshary von der Universität Neuchâtel in der Schweiz im Gespräch mit dem STANDARD. "Die Parasiten dagegen bestehen in erster Linie aus Chitinpanzern, und Chitin ist recht schwer verdaulich."

Die Neigung der Lippfische, ihre Kunden anzuknabbern, stellt natürlich ein Dilemma dar. Letztere schwimmen nach einem Hautbiss meist empört weg. Wie also lassen sich die "Geschäftsbeziehungen" aufrechterhalten?

Kooperation der Putzer

Dieser komplexen Frage geht Redouan Bshary zusammen mit australischen, schweizerischen und schwedischen Kollegen nach. Im Rahmen einer in der aktuellen Ausgabe der britischen Fachzeitschrift "Nature" (Bd. 455, S. 964) publizierten Studie untersuchten die Forscher die Auswirkungen der Kooperation zwischen zwei Putzern, die gemeinsam einen Parasitengeplagten behandeln.

Löst dies den Widerspruch, oder verstärkt es das Problem?

In der Regel betreiben Putzerlippfische paarweise eine Station. Das Männchen und das größte Weibchen aus seinem Harem erwarten die Kundschaft, große Fische werden meist zu zweit abgegrast, außer wenn der Andrang groß ist. Wenn bei der Zusammenarbeit einer der Partner einen Kunden vergrault, leidet der Ehrliche mehr darunter als der Betrüger, der einen nahrhaften Happen Schleim erbeuten konnte. Auf Dauer ist das gewiss kein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Mittels eines mathematischen Modells ermittelten Bshary und Kollegen den statistischen Erfolg verschiedener möglicher Verhaltensweisen. Dadurch ließ sich erwartungsgemäß nachweisen: Kooperierende Partner leisten einen besseren Service als Einzelgänger.

Beobachtungen in freier Natur und Aquarienversuche zeigten anschließend, dass dies vor allem den Weibchen zu verdanken ist.

Sie knabbern viel seltener Kunden an als ihre Gatten und verringerten so das Risiko auf einen vorzeitigen Abbruch der Behandlung. Falls aber eine Putzerin doch einmal sündigt, wird sie vehement vom größeren und dominanten Männchen verfolgt. Eine offensichtliche Repressalie.

Wechsel des Geschlechts

Interessanterweise handelt es sich bei Labroides dimidiatus um eine protogyn hermaphroditische Art, was wiederum nichts anderes bedeutet, als dass die Putzerlippfische im Laufe ihres Lebens das Geschlecht wechseln. Ihre ersten zwei bis drei Jahre verbringen sie als Weibchen. Wenn sie größer werden, wandeln sie sich zu männlichen Tieren um.

In dieser Besonderheit dürfte wohl auch die Ursache für das unterdrückende Gehabe der Lippfisch-Machos liegen. "Das Männchen will nicht, dass sein Weibchen zu schnell wächst, weil es dann zum Konkurrenten wird", sagt Redouan Bshary. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 10. 2008)

  • Kooperierende Partner leisten einen besseren Reinigungsservice als
Einzelgänger. Deshalb säubern hier zwei Putzerlippfische einen
dankbaren Kunden, in dem Fall: einen Messerlippfisch.
    foto: mila zinkova

    Kooperierende Partner leisten einen besseren Reinigungsservice als Einzelgänger. Deshalb säubern hier zwei Putzerlippfische einen dankbaren Kunden, in dem Fall: einen Messerlippfisch.

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