Preise fallen, der Hunger nimmt zu

15. Oktober 2008, 17:51
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Vor dem Welternährungstag am Donnerstag, geht die Angst vor der Finanzkrise um - Eritrea und die Demokratische Republik Kongo haben den höchsten Anteil an Unterernährten

Die internationale Gemeinschaft tut viel, aber noch fehlen Gelder im Kampf gegen den Hunger, warnen Hilfsorganisationen - Von András Szigetvari

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Wien - Der Anstieg der Lebensmittelpreise hat die meisten Erfolge im Kampf gegen Hunger zunichtegemacht. In allen Teilen der Welt - von Südamerika bis nach Südostasien - verbesserte sich die Nahrungsmittelsicherheit seit Anfang der 1990er-Jahre. Die Preisexplosion bei Mais, Reis, Soja und anderen Produkten seit 2005 lässt die Zahl der Unterernährten hochschnellen, bis zu eine Milliarde Menschen ist heute betroffen. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Untersuchung mehrerer Hilfsorganisationen und des International Food Policy Research Institute, die im Vorfeld des UNO-Welthungertages heute, Donnerstag, vorgestellt wurde.


Im Rahmen der Studie wurde auch ein Welthungerindex erstellt, dem zufolge Eritrea und die Demokratische Republik Kongo den höchsten Anteil an Unterernährten (siehe Grafik) aufweisen.
2008 war aber auch das Jahr, in dem die internationale Gemeinschaft auf die Krise reagierte: Die Weltbank hat im Mai einen 1,2 Milliarden Dollar schweren Hilfsfonds eingerichtet, davon wurden bereits 200 Millionen verteilt. Auch das Budget des Welternährungsprogramms (WFP) stieg an, Deutschland sagte 600 Millionen Euro zu, die EU reagierte. Aber was hat diese Unterstützung gebracht, wenn die Zahlen so trostlos sind?

Trendwende bei den Lebensmittelpreisen

Die Lage, darin sind sich Hilfsorganisationen einig, hat sich in den vergangenen Monaten etwas beruhigt. Dazu beigetragen hat vor allem die Trendwende bei den Lebensmittelpreisen.
An der Chicago Board of Trade, einem der bedeutendsten Marktplätze für Rohstoffe, fallen die Preise für Mais und Soja (seit Juni) und für Reis (seit Mai) kräftig. Für den Preisverfall verantwortlich sind Rekordernten in der EU und in Australien, sagt Bernhard Walter von der deutschen Organisation Brot für die Welt. Allerdings: "Die Preise sind immer noch weit höher als vor eineinhalb Jahren", warnt Walter. Deshalb seien auch die Auswirkungen der Krise weiterhin zu spüren. Walter lobt dennoch die Reaktion der Weltgemeinschaft. Andere sind aber skeptischer.

Neue Abhängigkeit durch Kredite

Die NGO Fian kritisiert etwa, dass der Schwerpunkt der Maßnahmen auf kurzfristigen Aktionen und nicht auf einer nachhaltigen Stärkung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern liege. Und weil die Weltbank einen Großteil ihrer Unterstützung in Form von Krediten vergibt, würden neue Abhängigkeiten drohen.

Auch das World Food Programme ist nur teilweise zufrieden: "Die Appelle des WFP wurden gehört, wir versorgen heute 20 Millionen Menschen mehr als vor einem Jahr", sagt Ralf Südhoff, WFP-Chef in Berlin. Um die Hungerkrise weiter zu lindern, würden aber zwei Milliarden Dollar fehlen. "Zudem weiß derzeit niemand, wie sehr die Finanzkrise die Budgets der Entwicklungsländer und damit auch die Nahrungsmittelversorgung beeinflussen wird."


Ein wichtiges Signal könnte in den kommenden Wochen aus Brüssel kommen. Die EU-Kommission hat ja vorgeschlagen, eine Milliarde Euro, die 2008 für Agrarförderung vorgesehen waren, aber nicht ausgegeben wurden, für die Ernährungssicherung umzuwidmen. Entschieden ist noch nichts, derzeit wird diskutiert. (András Szigetvari/DER STANDARD Printausgabe 16.10.2008)

  • Der Welternährungs-Index ist ein Ansatz zur Berechnung von Hunger und Unterernährung
    graik: standard

    Der Welternährungs-Index ist ein Ansatz zur Berechnung von Hunger und Unterernährung

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