Wilhelm Lilge: "Doper gehören geächtet"

Interview15. Oktober 2008, 15:49
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Er deckte den Dopingfall Pumper auf und wurde nun vom LCC Wien gekündigt - ein Gespräch über Verflechtungen, lasche Gesetze, sauberen Sport und Doping aus Steuermitteln

Wien - Wilhelm Lilge hat es auch nicht einfach, auf seine Initiative wurde Top-Läuferin Susanne Pumper im März einem Doping-Test unterzogen und schlussendlich überführt - doch der Dank scheint sich bei seinem Verein, dem LCC Wien, in Grenzen zu halten. Während der Sportkoordinator mit Ende des Jahres seinen Job verliert, darf Pumper nun den vereinseigenen Herbstmarathon mitorganisieren. Philip Bauer sprach mit Wilhelm Lilge über Vorkommnisse, die nicht nur in Österreich für Aufsehen sorgen.

derStandard.at: Sie gelten bereits als Märtyrer im Kampf gegen den Doping-Missbrauch. Ist in Österreich tatsächlich Zivilcourage nötig um sich gegen Doping zu wehren?

Wilhelm Lilge: Offensichtlich schon. Für mich mehren sich jedoch die Anzeichen, dass die Fassade des Doping-Gebäudes endlich zu bröckeln beginnt. Jetzt stellt sich die Frage, ob man sie notdürftig repariert oder ob man schweres Gerät anfährt, um das Gebäude niederzureißen. Wir sehen inklusive Radsport einen weitgehenden Durchseuchungsgrad bis in den hintersten Winkel, da muss man von Grund auf etwas Neues konzipieren. Da ist der Gesetzgeber gefordert, das Anti-Doping-Gesetz gerät in der Praxis zum Dopingschutz-Gesetz, bis heute ist kein einziger Dopingmittel-Dealer zur Verantwortung gezogen worden. Das zeigt, dass sich hier sehr vieles ändern muss.

derStandard.at: Sie haben auf der Webseite des LCC folgendes geschrieben: "Leider muss ich euch auch sagen, es gibt noch viel schlimmere Dinge im Österreichischen Sport." Können Sie uns sagen, was damit gemeint ist?

Wilhelm Lilge: Da kann ich schwer ins Detail gehen. Seit der Kontrolle am 9. März sind mir sehr viele Informationen zugetragen worden. Es gibt Verflechtungen bis in höchste Kreise: Sportfunktionäre und Politiker arbeiten zusammen, offensichtlich nicht immer im Dienste des Sports, sondern nur im Dienste unehrlicher Erfolge. Wenn man sich gegen Doping bekennt, muss man auch neue Personen an die entscheidenden Stellen setzen. Die Verflechtung von Parteipolitik und Sport ist typisch für Österreich und nicht zeitgemäß, im Anti-Doping-Kampf verunmöglicht es eine effiziente Vorgehensweise.

derStandard.at: Warum wollen Sie keine Details nennen?

Wilhelm Lilge: Weil von allen Seiten mit Klagen gedroht wird. Die Beweisfrage ist eine schwierige. Selbst wenn mir drei Sportler, Funktionäre oder Trainer unabhängig voneinander Beobachtungen erzählen, kann ich diese Informationen nur schwer rechtlich verwerten. Das ist das große Manko, auch Gernot Schaar, der Vorsitzende der NADA-Rechtskommission, meint, dass das vielfach novellierte Anti-Doping-Gesetz nichts nützt, wenn man die Eigenanwendung nicht als Strafrechtstatbestand fest macht. Nur dann kann man die Sportler mit polizeilichen Methoden dazu bringen, endlich die Hintermänner bekannt zu geben. Es ist viel Geld im Spiel, ein erfolgreich gedopter Sportler hat sich oft auch öffentliche Mittel gesichert. Doping wird dann aus Steuermitteln finanziert.

derStandard.at: Wird in Österreich systematisch gedopt?

Wilhelm Lilge: Nicht von bestimmten Verbänden oder staatlichen Institutionen, man kann das bestimmt nicht mit der ehemaligen DDR vergleichen, es geht eher um familiäre Zirkel. Wir reden in Österreich nicht von tausenden Menschen, es handelt sich um ein mafiaähnliches Netzwerk aus zehn bis zwanzig Personen. Und es tauchen bei jedem Dopingfall die selben Namen auf. Wenn man hier wie bei jedem anderen Betrugsfall ermitteln würde, hätten wir sehr schnell eine andere Situation in Österreich.

derStandard.at: Haben Sie eine Einschätzung zum Doping-Fall Kohl?

Wilhelm Lilge: Niemand in Österreich wird überrascht sein. Ich bin fasziniert vor dem Fernseher gesessen, aber wenn man die Szene kennt, schwingt ein Zweifel mit, der sich nun leider bestätigt hat, auch wenn man die B-Probe abwarten muss. Interessant, dass auch hier wieder die selben Namen auftauchen, Herr Matschiner (Anm:  Manager von Bernhard Kohl) war schon mit Walter Mayer in Turin, angeblich nur um die Leute anzufeuern. Er ist auch ein enger Bekannter von Frau Pumper und ist gemeinsam mit dem ehemaligen Sport-Staatssekretär Karl Schweitzer in einer Staffel beim Wiener Marathon gelaufen.

derStandard.at: Zurück zu Ihrer Person. Haben Sie es jemals bereut den Doping-Test an Susanne Pumper veranlasst zu haben? Immerhin verlieren Sie nun ihren Job...

Wilhelm Lilge: Das Risiko war mir bewusst. Das Familien-Leben war in den letzten Monaten einer hohen Belastung ausgesetzt. Bereut habe ich es nicht, ich engagiere mich seit 20 Jahren gegen Doping. Ich habe schon damals die Doping-Affäre rund um Andreas Berger und die Sprint-Staffel hautnah miterlebt. Offiziell haben sie bei "fliegenden Händlern am Mexikoplatz" eingekauft, ich kenne niemanden, der das auch nur halbwegs ernst nimmt. Ich habe soviel Lug und Betrug mitbekommen, dieses Unrecht lässt sich nicht mit meiner Denkweise verbinden. Rigorose Strafen sind wichtig, aber ebenso wichtig ist es saubere Sportler zu schützen, selbst im Weltklassebereich sind Spitzenleistungen ohne Doping möglich. Wenn nun alle sagen: eh klar, die Radsportler dopen ohnehin alle, sag ich: kompletter Schwachsinn.

derStandard.at: Haben Sie mit dem Test an Susanne Pumper ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen, AthletInnen aus dem eigenen Verein nicht testen zu lassen?

Wilhelm Lilge: Der Test war nicht gegen Pumper gerichtet. Es wurden mehrere Damen getestet, auch Eva-Maria Gradwohl und Helena Javornik. Es gab Gerüchte, ich wollte Klarheit, ob es nun der eigene Verein ist oder nicht, ist sekundär. Es geht nicht um eine LCC-Sportlerin, sondern um die beste Läuferin Österreichs. Junge Sportlerinnen haben es sich nicht verdient, gegen eine anzutreten, die mit unrechten Mitteln kämpft, die ihnen Titel, Medaillen und Sponsorgelder wegnimmt.

derStandard.at: Ihr Chef, Dr. Peter Pfannl, scheint das anders zu sehen. Oder steht ihre Kündigung nicht in Zusammenhang mit den Tests?

Wilhelm Lilge: Doch, das steht in direktem Zusammenhang. Er hat damals schon gegenüber Dritten angekündigt: "Natürlich schmeiß ich den Lilge raus, aber nicht gleich." Die Optik wäre wohl nicht optimal gewesen.

derStandard.at: Heißt es also nicht "Wer dopt, der fliegt" sondern "Wer testen lässt, der fliegt"?

Wilhelm Lilge: Darauf ist es hinausgelaufen. Pfannl hat mir wortwörtlich erklärt, dass er stinksauer ist. Aber nicht wegen des positiven Doping-Tests, sondern weil ich dazu beigetragen habe, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

derStandard.at: Auch ihre Frau verliert ihren Job beim LCC...

Wilhelm Lilge: Ja, mitgehangen, mitgefangen.

derStandard.at: Erwägen Sie gar keine rechtlichen Schritte?

Wilhelm Lilge: Die offizielle Begründung sind Einsparungen, da wird man nichts machen können. Das ist zu akzeptieren, das sehe ich nicht so dramatisch.

derStandard.at: Wird ihr Job nicht nachbesetzt? Man hört den Namen Pumper fallen...

Wilhelm Lilge: Sie kann nicht als Leistungs-Diagnostikerin arbeiten oder eine Trainingsgruppe betreuen, dazu fehlt ihr die Ausbildung. Auch Sponsor-Bögen und Schirmständer wird sie wohl nicht schleppen. Wahrscheinlich wird sie in Teilbereiche der Organisation eingebunden.

derStandard.at: Wie kann man die nachrückende Generation vom Doping fernhalten? Nur durch ein engmaschiges Kontrollsystem, oder kann man auch noch an das Gewissen appellieren?

Wilhelm Lilge: Man muss Bewusstseinsbildung bei jungen Sportlern betreiben. Es besteht Gefahr, dass sie denken: Wenn ich wirklich gut sein will, muss ich dopen. Man muss beide Schienen parallel fahren: Auf der einen Seite den möglichen sauberen Weg zu Spitzenleistungen aufzeigen und auf der anderen Seite wirklich beinharte Kontrollen. Doping gehört, auch wenn es brutal klingt, sozial geächtet. Der Doper darf nicht der Held, der besondere Schlawiner sein. Typisch für Österreich ist, dass genau diese Leute ihre Jobs beim ORF bekommen, in den Medien ihre Kommentare schreiben, ihre eigenen Leistungen hochstilisieren dürfen und schließlich den ehrlichen Athleten raten, härter zu trainieren, um auch einmal so gut zu werden. Das ist menschlich zutiefst verachtenswürdig.

derStandard.at: Würden Sie Ihrer laufenden Stieftochter Lisa-Maria Leutner empfehlen, die Fotos auf Ihrer Webseite mit Dieter Baumann, Susanne Pumper und Jolanda Ceplak zu entfernen?

Wilhelm Lilge: (lacht) Das wäre irgendwo Geschichtsfälschung. Ich glaube nicht, dass da etwas abfärbt. Sie ist alt genug und weiß, wie sie zu diesem Thema zu stehen hat. Nach ihren Vorbildern befragt, hat sie von kleinauf gesagt: "Österreichs Spitzenläuferin sicherlich nicht". (derStandard.at; 15. Oktober 2008)

  • "Wenn nun alle sagen: eh klar, die Radsportler dopen ohnehin alle, sag ich: kompletter Schwachsinn."

    "Wenn nun alle sagen: eh klar, die Radsportler dopen ohnehin alle, sag ich: kompletter Schwachsinn."

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