"Die Last für den Staat ist zu groß"

15. Oktober 2008, 17:02
63 Postings

Die Österreicher verlassen sich bei der Pensionsvorsorge noch immer zu stark auf den Staat, sagt Helvetia-Chef Gantenbein im Interview

Standard: Trifft die Finanzkrise Helvetia?

Gantenbein: Jetzt Nein zu sagen wäre vermessen. Direkt spüren wir die Turbulenzen nicht besonders, wir veranlagen seit Jahren sehr konservativ. Die Aktienquote lag in den vergangenen Jahren bei rund fünf Prozent, die haben wir jetzt über Optionen abgesichert. Es gibt aber jeden Tag Meldungen, die man nicht erwartet hat. Indirekt läuft das ganze System einfach weniger gut.

Standard: Wirkt sich das aufs Ergebnis aus?

Gantenbein: Die Helvetia-Gruppe musste auch Abschreibungen vornehmen. Die Sigma-Fonds wurden im ersten Halbjahr mit 18 Mio. Euro wertberichtigt, zuletzt wurde der Restbestand von rund 50 Millionen abgeschrieben. Die Österreich-Tochter hatte dieses Produkt aber nicht in ihren Anlagen.

Standard: Steigt in diesen turbulenten Zeiten auch das Bedürfnis nach Absicherung?

Gantenbein: Das Interesse an einigen Produkten, etwa an der klassischen Lebensversicherung, steigt. Es ist aber zu früh, um zu sagen, ob daraus ein Trend wird. Der österreichische Kunde will Garantien, der Trend zu Garantie und Sicherheit wird steigen.

Standard: Die Fonds hat es durch die Einbrüche an den Börsen arg erwischt. Wer eine fondsgebundene Lebensversicherung hat, ist gut beraten, wenn diese noch lange läuft.

Gantenbein: Das stimmt. Das sind Produkte, die für eine langfristige Veranlagung ausgelegt sind. Jetzt gibt es bei Aktien zwar einen heftigen Rückgang. Der Grundtrend über 20 bis 25 Jahre zeigt aber nach oben. Läuft so eine Versicherung demnächst aus, kann der Kunde die Laufzeit verlängern, bis die Zeiten wieder besser sind.

Standard: Stichwort Garantie: Haben Sie Lehman Brothers als Garantiegeber?

Gantenbein: Nein, wir haben überhaupt keine amerikanischen Garantiegeber. Wir hatten einen Höchststandfonds von ABN Amro, die ja von Fortis übernommen wurden. Fortis war jetzt in den Schlagzeilen, wurde aber gerettet. Die Gelder im Fonds sind Sondervermögen und würden selbst bei einem Crash nicht in die Konkursmasse fallen.

Standard: Sie haben eine Ausbildungsvorsorge auf den Markt gebracht, haben auch ein eigenes Produkt für Winzer. Was steckt da dahinter?

Gantenbein: Wir wollen Individualität in unseren Produkten. Die Ausbildungsvorsorge ist besonders flexibel ausgelegt. Man kann mit kleinen Beträgen anfangen und während der Laufzeit auch Geld entnehmen. Am Ende kann das Produkt in eine andere Vorsorgeform umgewandelt werden. Auch bei den Winzern ist die Grundidee, zu fragen, was die Kunden wirklich brauchen.

Standard: Gibt es in Österreich noch Versicherungslücken oder ist alles versicherbar?

Gantenbein: Für das tägliche Leben kann man fast alles absichern. Die Lebensläufe sind sehr unterschiedlich geworden. Die Frage ist eher, wer was braucht.

Standard: Wollen Sie von Wien aus auch in Osteuropa tätig werden?.

Gantenbein: Nein. Unser Fokus liegt klar in Österreich. Die Gruppe ist in sechs Ländern tätig - Schweiz, Deutschland, Italien, Österreich, Spanien und Frankreich -, und das soll derzeit so bleiben. Wir sind aber bereit, wenn sich Übernahmechancen ergeben.

Standard: Gibt es Übernahmekandidaten in Österreich?

Gantenbein: Gibt's kaum. Der Markt bewegt sich wenig und ist gut aufgeteilt. Es gibt vier große Versicherungen, Regionalversicherer und mittelgroße Versicherer. Eine Reihe von Spezialversicherungen, die Lebensversicherer und die Bankversicherungen.

Standard:
So viele Versicherungen für rund acht Millionen Österreicher. Lohnt sich das?

Gantenbein: Das Geschäft ist ertragreich. Allerdings muss man zwischen Leben und Nicht-Leben unterscheiden. Überdimensionale Zuwächse sind im Nicht-Leben-Bereich nicht möglich. Nachholbedarf gibt es etwa im Bereich der Unfallversicherung.

Standard: Wie läuft die Pensionsvorsorge?

Gantenbein: Der Anteil der Eigenvorsorge ist noch immer zu gering. Da hinkt Österreich anderen EU-Ländern weit nach. Da nützen auch die Mitarbeitervorsorgekassen nichts. Dabei wird die Pensionslücke immer größer. Die Österreicher glauben immer noch zu stark an den Staat. Es ist immer noch das Sicherheitsgefühl da, dass der Staat da sein wird, wenn man ihn braucht.

Standard: Welches Verhältnis von Eigenvorsorge zur staatlichen Hilfe wäre ideal?

Gantenbein: Der Staat hat eine Rolle zu spielen, ist wesentlicher Teil der gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Bei den drei Säulen zur Pensionsvorsorge sollte 40 bis 50 Prozent der Staat tragen, der Rest sollte zwischen betrieblicher und privater Vorsorge aufgeteilt werden. Derzeit trägt der Staat noch bis 90 Prozent. Die Last für den Staat ist zu groß. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2008)

 

ZUR PERSON: Burkhard Gantenbein (45) hat Rechtswissenschaften studiert und leitet seit Juni 2007 Helvetia in Österreich. Zuvor hatte Gantenbein mehrere Positionen bei der Generali Versicherung inne.

  • Helvetia-Chef Burkhard Gantenbein erwartet durch die Finanzkrise einen neuen Trend bei Garantieprodukten.
    foto: standard

    Helvetia-Chef Burkhard Gantenbein erwartet durch die Finanzkrise einen neuen Trend bei Garantieprodukten.

Share if you care.