"Meine Kinder hassen meinen Beruf"

17. Oktober 2008, 17:43
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20 Jahre Bühnenerfolg, Gesangslehrerin, 50.000 gependelte Kilometer pro Jahr, Familie-und-Karriere-Stress: die Koloratursopranistin Isabella Ma-Zach im dieStandard.at-Porträt

Das Interesse für den Gesang, das liegt bei Isabella Ma-Zach in der Familie: "Ich war zuhause in der Steiermark als Kind in Mädchenchören aktiv, in denen ich auch solo gesungen habe. Mein Vater, der eine Volksmusikgruppe leitete, hat mich dann dazu animiert, einen eigenen Chor zu gründen. Als ich 14 war, hat mich bei einem unserer Konzerte eine alte Opernsängerin im Publikum gehört und mir zu einer Gesangsausbildung geraten."

Dem guten Rat folgend, besuchte sie drei Jahre lang die Vorbereitungsklasse für das Sologesangsstudium an der - damals noch - Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz, wechselte danach ins Hauptstudium, wo sie mit heutigen KollegInnen wie Angelika Kirchschlager, Hans-Peter Kammerer, Max Müller oder Martin Winkler studierte. Die ersten Engagements ließen nicht lange auf sich warten: "Meine erste Rolle war mit 19 Jahren die Kellnerin in der Operette 'Wiener Blut' mit Fritz Muliar in der Wiener Kammeroper, wo ich zwei Jahre lang im Chor gesungen habe." Die erste Hauptrolle kam mit 21, in der Oper "Richard Löwenherz" von Grétry beim Donaufestival in Dürnstein. "Vier Sommer lang habe ich dort Hauptrollen gesungen, vor allem in Haydnopern - bis das Vorsingen in Dresden kam." Noch mitten im Studium, das sie hin- und herpendelnd absolvierte, erhielt Isabella Ma-Zach einen Festvertrag am dortigen Operettenhaus, wo sie 18 Jahre im Ensemble bleiben sollte.

Tanz- und Spielsoubrette

Als schauspielbegabte Sängerin war Ma-Zach in Dresden von Anfang an besonders gerne im Soubrettenfach gesehen - was ihr große Freude machte, auf Dauer aber einseitig wurde: "Angefangen habe ich als Tanzsoubrette: Ich sang Rollen wie Pepi in 'Wiener Blut', die Stasi in der 'Czardasfürstin', Ottilie im 'Weißen Rössl', durfte aber nichts anderes singen, weil ich mich erst entwickeln sollte. Dabei hatte ich längst Koloraturpartien wie die Adele in der 'Fledermaus' drauf und wollte das auch auf der Bühne zeigen." Weil ihr Wunsch auf taube Ohren stieß, machte die Sopranistin Abstecher an andere Häuser, um ihr Repertoire zu erweitern: "Drei Jahre lang hatte ich einen Parallelvertrag in Plauen am Vogtlandtheater, wo ich große Opernrollen wie Musetta in "La Bohéme", Frasquita in "Carmen", oder Susanna in "Figaros Hochzeit" sang; ein Jahr verbrachte ich im Hans-Otto-Theater in Potsdam und daneben sang ich in diversen Sommerproduktionen an Spielstätten im In- und Ausland."

Familie und Karriere

1997 wurde ihr erster Sohn Moritz geboren - und damit begann der "Familie-und-Karriere-Stress": "Nach meinem Ausflug in die Provinz wollte ich wieder in die Großstadt - und da in Dresden noch keine Nachfolgerin für mich gefunden war, hat mich der neue Intendant gleich wieder engagiert. Mein Mann hat damals noch in Wien studiert und ist die ersten Monate immer mit mir mitgereist, bis ich abgestillt hatte. Danach war Moritz viel bei meiner Mutter in der Steiermark - der Papa und die Oma haben sich die Betreuung untereinander aufgeteilt, während ich in Deutschland gesungen habe. Ich konnte mir aber Verträge aushandeln, mit denen ich nicht mehr als 35 Vorstellungen und zwei Premieren pro Jahr singen musste - der Durchschnitt für Sänger und Sängerinnen sind 80 bis 100 Vorstellungen pro Jahr. Diese Sonderkonditionen konnte ich mir deshalb leisten, weil ich - nun als Koloratursopran - am Haus sehr geschätzt wurde."

Über fünf Jahre lang wurde Isabella Ma-Zach als "Aushängeschild" der Staatsoperette Dresden auf große Kulturevents durch Deutschland und in die Nachbarländer geschickt: "Dieses Bewusstsein, geschätzt zu werden, dass das ganze Theater hinter mir steht, das war ein sehr erhebendes Gefühl. Zu meinen schönsten Erinnerungen aus dieser Zeit zählen mein Auftritt beim traditionellen 'Fest des Bundespräsidenten', damals Johannes Rau, auf Schloss Bellevue oder vor 6000 Leuten beim Classic Open Air auf dem Berliner Gendarmenmarkt."

Harte Jahre

Den Erfolg auf der Bühne habe sie sehr genossen, für das Familienleben und die Gesundheit waren dies allerdings harte Jahre, erinnert sich die Sängerin: "Das wöchentliche Pendeln nach Deutschland mit langen Zugfahrten und 50.000 Kilometern Autofahrt pro Jahr, dazu Konzertreisen und Tourneen, der Stress, die Nervosität, das Adrenalin - das geht irgendwann an die Substanz. Ich war vier bis fünf Monate im Jahr weg, der Moritz hat mich wenig gesehen. Mein Mann war damals eigentlich seine totale Bezugsperson - die beiden haben auch heute noch eine sehr enge Beziehung zueinander. "

2002/03 gab es an der Staatsoperette wieder einen Wechsel in der Chefetage - der neue Intendant hatte jedoch wenig Verständnis für die Familiensituation der heute 42-jährigen Sängerin: "Ich wollte wieder einen festen Gastvertrag wie bisher - das Haus nicht. Nach der Geburt meines zweiten Sohnes hieß es, ich müsse mehr arbeiten, was ich der Kinder wegen ablehnte. Zwei Jahre später kam dann - nach 15 Jahren am Haus - die Kündigung, mit der offiziellen Begründung, ich sei 'nicht wirtschaftlich'. Das hat mich eiskalt getroffen. Der Hintergrund war natürlich auch 'Ich werde immer älter und bin nicht wirtschaftlich' und dass man in Deutschland vom Gesetz her nach 15 Jahren Festvertrag an einem Haus unkündbar ist - aber offiziell darf das ja kein Kündigungsgrund sein."

Abschied von Dresden

Drei Jahre blieb Isabella Ma-Zach noch mit einem Gastvertrag am Haus - im Juni 2008 verabschiedete sie sich endgültig von der Dresdner Bühne, nicht ohne Wehmut: "Man hat mir einen Blumenstrauß überreicht und gesagt 'Vielen Dank für die Verdienste um das Haus' - da kam ich mir uralt vor." Der Gesangskarriere hat der Weggang von der fixen Bühne aber keinen Abbruch getan: "Ich mache noch immer mehrere Produktionen im Jahr, aber nur mehr in Form von Stückverträgen; viel davon in den Ferien, so wenig wie möglich während der Schulzeit." Hauptberuflich geht sie nun ihrer zweiten großen Leidenschaft, dem Unterrichten nach: Von ihrer langjährigen Gesangs- und Bühnenerfahrung profitieren nun ihre zahlreichen Schüler und Schülerinnen. Für das Familienleben ist die berufliche Neuorientierung eine große Entlastung: "Mein Mann und ich betonen oft, wie gut es uns jetzt geht. Die vergangenen Jahre waren für uns sehr anstrengend, viel blieb an meinem Mann hängen, der seinen Beruf als Altenpfleger und die Kinderbetreuung koordinierte. Unseren kleineren Sohn musste er oft schon um halb sieben im Kindergarten abgeben, wo er bis halb fünf blieb. Wir hatten in den vergangenen Jahren auch viele verschiedene Kindermädchen - was der Tobias aber zum Glück sehr gut aufgenommen hat."

Wie stehen ihre Kinder zu ihrem Beruf? - "Die hassen ihn", lacht sie. "Sie hassen es, wenn ich übe, sie hassen es, wenn ich wegfahre. Der Kleinere schaut sich zwar gerne das 'Hänsel und Gretel'- Video mit mir als Gretel an - aber eher, weil ihn die Handlung interessiert."

Erholung in der Natur

Ausgleich zum Beruf findet die Sängerin in der Natur: bei der Arbeit im Garten, beim Wandern, Lesen und Schwimmen - "Hauptsache ich bin draußen." Ihr großes Interesse gilt auch der Medizin - vor einigen Jahren hat sie deshalb als zweites Standbein eine Ausbildung zur Heilpraktikerin gemacht. "Das betreibe ich aber nur mehr als Hobby."

Den SängerInnenberuf heute beobachtet Isabella Ma-Zach mit einer gewissen Sorge: "Der Beruf hat sich in den vergangenen 25 Jahren sehr gewandelt - ich glaube, dass wir über kurz oder lang Strukturen bekommen werden, wie sie in den USA schon seit Jahrzehnten üblich sind: Es wird ein paar wenige Staggione-Betriebe geben, aber keine Vielzahl an Theatern mehr wie jetzt. Der Trend geht weg von festen Ensembles hin zu Stückverträgen und jeder Sänger wird einen 'Plan B', ein zweites Standbein, brauchen - man kann sich nicht mehr darauf verlassen, vom Singen leben zu können, diese Zeiten sind vorbei. Außer, man schafft es als Ausnahmetalent in die erste Reihe."

Traumrolle Zerbinetta

Für ihre eigene Sängerinnenlaufbahn wünscht sich die "Kolorateuse", "dass ich meine kleine Karriere langsam auslaufen lassen kann, vier bis fünf Jahre möchte ich gerne noch auf der Bühne stehen." Unzählige Figuren, vom Dienstmädchen bis zur Diva, hat Isabella Ma-Zach in den vergangenen 20 Jahren verkörpert; ihre Lieblings- und mittlerweile Paraderolle ist aber immer noch die Adele: "Die ist mir auf den Leib geschnitten, die hab ich in zehn verschiedenen Produktionen gesungen und mich sehr mit ihr identifiziert." Von einer Rolle träumt sie auch nach 20 Jahren noch: "Die Zerbinetta aus Strauss' 'Ariadne auf Naxos', die würd' ich gern einmal singen - das hat sich irgendwie nie ergeben." (isa/dieStandard.at, 15. Oktober 2008)

  • Isabella Ma-Zach entschied sich schon früh für die Gesangskarriere: "Als ich 14 war hat mich bei einem unserer Konzerte eine alte
Opernsängerin im Publikum gehört und mir zu einer Gesangsausbildung
geraten."
    foto: diestandard.at/lechner

    Isabella Ma-Zach entschied sich schon früh für die Gesangskarriere: "Als ich 14 war hat mich bei einem unserer Konzerte eine alte Opernsängerin im Publikum gehört und mir zu einer Gesangsausbildung geraten."

  • Bühnenerfolg und harte Jahre: "Das wöchentliche Pendeln nach Deutschland mit langen Zugfahrten und
50.000 Kilometern Autofahrt pro Jahr, dazu Konzertreisen und Tourneen,
der Stress, die Nervosität, das Adrenalin - das geht irgendwann an die
Substanz."
    foto: privat

    Bühnenerfolg und harte Jahre: "Das wöchentliche Pendeln nach Deutschland mit langen Zugfahrten und 50.000 Kilometern Autofahrt pro Jahr, dazu Konzertreisen und Tourneen, der Stress, die Nervosität, das Adrenalin - das geht irgendwann an die Substanz."

  • Die Sängerin in ihrer Lieblings- und Paraderolle: die Adele aus Johann Strauß' Operette "Die Fledermaus"
    foto: privat

    Die Sängerin in ihrer Lieblings- und Paraderolle: die Adele aus Johann Strauß' Operette "Die Fledermaus"

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