"Mit dem Mythos Haider Wahlen zu gewinnen wird nicht funktionieren"

15. Oktober 2008, 12:13
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Wie geht es mit dem BZÖ in Kärnten und im Bund weiter - und wen wählen die Kärntner in Zukunft? derStandard.at fragte bei Meinungsforscher Peter Hajek nach

Eine absolute Mehrheit für das BZÖ bei den Kärntner Landtagswahlen im Frühjahr sei "in Reichweite", prognostizierten Meinungsforscher noch vor wenigen Wochen. Nach Haiders Tod ist alles anders - oder doch nicht? derStandard.at sprach mit Meinungsforscher Peter Hajek darüber, wen die Kärtner jetzt wählen, welche Chancen das BZÖ auf Bundesebene hat und wieso die Orangen in Kärnten auch ohne Haider weiter eine "starke Kraft" bleiben werden. Die Fragen stellte Anita Zielina.

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derStandard.at: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation des BZÖ in Kärntnen?

Hajek: Die Situation liegt auf der Hand: Durch den Tod Jörg Haiders ist im BZÖ Kärnten ein gewisses Machtvakuum entstanden. Sie haben ganz gut, weil schnell, reagiert, unter anderem mit einer klaren Aufgabenteilung zwischen Scheuch und Petzner. Ob sich Petzner über diesen Posten freuen soll, muss er allerdings selbst entscheiden – er hat nämlich die schwierigste Aufgabe. Im Klub in Wien hat er mit Stadler, Westenthaler und Scheibner einige Unruheherde. Und er muss aufpassen, dass er nicht nach Wien abgeschoben wird.

derStandard.at: Haider war ein unglaubliches Gravitationszentrum und hat die verschiedenen Cliquen der Partei zusammengehalten, so wie etwa auch Schüssel in der ÖVP.

Hajek: Aus den vergangenen Wahlen und Umfragen weiß man, dass die ÖVP generell stark an das BZÖ verloren hat. Das hat schon bei der Landtagswahl 2004 begonnen, wo Elisabeth Scheucher Spitzenkandidatin war. Da war die ÖVP erst sehr gut unterwegs und lag bei 18 Prozent. Dann hat Scheucher gesagt: "Mit mir wird es keinen Landeshauptmann Haider geben". Und damit ist die Partei eingebrochen und die schwarzen Wähler sind schnurstracks zum Haider übergelaufen. Viele wollten zwar die VP wählen, aber einen Landeshauptmann Haider konnten sie sich trotzdem ganz gut vorstellen.

derStandard.at: Das heißt, die ÖVP könnte sich diese weggelaufenen Wähler theoretisch wieder zurückholen?

Hajek: Sie haben das sehr gut gesagt, theoretisch. Die ÖVP ist in Kärnten unglaublich profillos, man hat keine Ahnung, wofür sie eigentlich steht, außer ein bisschen Wirtschaft und Landwirtschaft. Aus dieser Sicht stellt sich die Sitiuation des BZÖ in Kärnten nicht so schlecht dar.

derStandard.at: Wie ist die Lage der SPÖ?

Hajek: Auch die SPÖ in Kärnten muss sich unter Reinhard Rohr erst neu positionieren. Rohr muss ein Profil entwickeln, um den schwankenden BZÖ-Wählern ein Angebot zu machen. Die SPÖ steht aber immer noch deutlich besser da als die ÖVP.

Interessant wird es auch mit der kürzlich beschlossenen Wahlrechtsreform, die den Einzug in den Landtag für Kleinparteien erleichtert. Als die SPÖ die beschlossen hat, wollte sie damit die Absolute von Haider verhindern. Jetzt wird sie sich schon wieder darüber ärgern, dass sie diese Reform gemacht hat.

derStandard.at: Wie wird die FPÖ in Kärnten agieren?

Hajek: Man kann davon ausgehen, dass die FPÖ in Kärnten sehr stark mobilisieren wird, um den BZÖ-Wählern ein Angebot zu machen. Die FPÖ wird versuchen, die klassischen Regimenter zu einen. Ein inhaltliches Angebot wird wenig helfen, denn inhaltlich ist das BZÖ Kärnten gut positioniert, im Gegensatz zum Bund. Haider hat ja eine klassisch sozialistische Wirtschaftspolitik gemacht, mit Gratistankstellen und Gratiskindergärten. Fürs BZÖ besteht also die Gefahr, dass sie an die ÖVP und die FPÖ verlieren, und natürlich ans Nichtwählerlager. Es wird Leute geben, die sagen: "Ich hab den Jörg gewählt, und an den Jörg kommt keiner ran".

derStandard.at: Ein User hat bei uns gepostet, er würde dem Kärntner BZÖ als Wahlkampstratege raten, vor der nächsten Wahl ausschließlich Jörg Haider zu plakatieren. Erfolgsversprechend?

Hajek: Das ist nicht abwegig, aber nicht praktikabel. Wäre die Wahl knapp nach dem Todesfall Haider, würde das sicher funktionieren. Der Wahltermin steht ja noch nicht fest. Jetzt geht es einmal darum, ob Dörfler tatsächlich zum Landeshauptmann gewählt wird. Wenn das nicht so ist, könnte es sein, dass das BZÖ sagt: Liebe Leute, wenn wir keinen Landeshauptmann haben, wählen wir doch lieber gleich. Das wäre für das BZÖ das Beste. Die anderen Parteien werden logischerweise daran kein Interesse haben – denn je weiter sie vom Todestag Haiders wegrücken, desto mehr verblasst sein Mythos. Die Trauer wird schwinden.

derStandard.at: Wie viele Wahlen lang kann sich dieser "Mythos" für das BZÖ positiv auswirken?

Hajek: Das kann man vergessen. Mit dem Mythos Haider Wahlen zu gewinnen wird nicht funktionieren. Haider hat in einer anderen Liga gespielt. Die Menschen haben das BZÖ wegen ihm gewählt. Wenn sich das BZÖ keine groben Schnitzer leistet, wird es in Kärnten weiterhin eine starke Kraft bleiben. Aber ohne adäquaten Nachfolger kann man die vergangenen Zeiten über kurz oder lang vergessen. Dörfler ist ein recht beliebter und volksnaher Politiker, aber halt kein Jörg Haider.

derStandard.at: Wie geht’s mit dem BZÖ im Bund weiter?

Hajek: Wie das BZÖ in Kärnten abschneidet, ist für den Bund weitgehend egal. Das BZÖ im Bund wird, das kann man sicher sagen, massive Probleme haben. Aber man muss bedenken: Sie haben jetzt 5 Jahre Zeit. Da kann man eine neue Person aufbauen. Wenn sie sich nicht gegenseitig politisch massakrieren, kann das klappen. Natürlich wird das Problem sein: Wer auch immer nachfolgt, er wird an Jörg Haider gemessen werden. Das BZÖ braucht nicht jemanden, der so ist wie Haider, es muss ein anderer Charakter her. Eigentlich ist das BZÖ dazu gezwungen, eine klassische Partei zu werden – ihr größtes Asset ist weg. (Anita Zielina, derStandard.at, 15.10.2008)

Zur Person

Peter Hajek ist Geschäftsführer von Peter Hajek Public Opinion Strategies. Er ist promovierter Politikwissenschafter und akademisch geprüfter Markt- und Meinungsforscher.

  • Peter Hajek: "Wenn sich das BZÖ keine groben
Schnitzer leistet, wird es in Kärnten weiterhin eine starke Kraft bleiben."
    foto: derstandard.at

    Peter Hajek: "Wenn sich das BZÖ keine groben Schnitzer leistet, wird es in Kärnten weiterhin eine starke Kraft bleiben."

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