Die Kandidaten und "Joe the Plumber"

16. Oktober 2008, 19:58
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Auch in der letzten TV-Konfrontation zwischen Barack Obama und John McCain vor der Wahl am 4. November gab es keinen eindeutigen Sieger

Der Trend in den Umfragen geht weiter in Richtung Obama.

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Joe Wurzelbacher hat einen kahlen Schädel, ist kräftig gebaut und um ein deutliches Wort nie verlegen. Sein Geld verdient er, indem er Toilettenbecken installiert, tropfende Wasserhähne abdichtet und defekte Duschen repariert. Ein krisenfester Job, auch in Ohio, im krisengeplagten Landstrich der alten Industrie, den die Amerikaner unverblümt den Rostgürtel nennen.

Die letzte Präsidentschaftsdebatte vor den Wahlen hat ihn zu einer Art Star gemacht. Nicht nur einmal fällt sein Name, als sich John McCain und Barack Obama an der Hofstra University bei New York zu ihrem dritten Duell treffen. 28-mal reden die Kontrahenten von ihm, wobei sie seinen schwierigen Familiennamen weiträumig umschifften. Wurzelbacher ist einfach Joe. Er ist "Joe the Plumber", der Installateur, der symbolisch für alles steht, was Amerikaner an Werten beschwören: harte Arbeit, klare Sprache, Bodenständigkeit, eine Grundportion Skepsis gegenüber dem Staat. Keine fünf Minuten sind vergangen, da erzählt McCain von dem Tüchtigen aus Toledo, der sein Geschäft erweitern will.

Der Herr Senator aus Illinois, erzählt er, hat mit Joe gesprochen, und der hat ihm anvertraut, dass er pro Jahr mehr als 250.000 Dollar verdient. Es ist das Limit, ab dem Obama die Steuern anheben möchte. "Warum wollen Sie Steuern erhöhen, jetzt, wo wir alle in Amerika so harte Zeiten durchmachen?", fragt McCain. "Joe soll Obama Geld geben, damit der es verteilen kann. Lassen wir Joe doch sein Geld behalten."

Irgendwann schaut der Attackierte direkt in die Kamera, irgendwann spricht auch er Wurzelbacher direkt an, verteidigt seinen Plan, der niedrige Einkommen entlastet und höhere stärker heranzieht, um das US-Budget aus den tiefroten Zahlen zu holen. "Niemand mag Steuern", sagt Obama. "Aber am Ende brauchen wir Geld für die wichtigsten Investitionen."

Die letzte Debatte, sie war die schärfste und spannendste von allen dreien. Sie würde, war man sich vorher einig, McCains letzte Chance sein, um seinen in Führung liegenden Widersacher noch abzufangen. Entsprechend energisch blies er zum Angriff, knirschte mit den Zähnen, sobald Obama sprach, schnitt Grimassen, grinste, als wollte er sagen: Ich glaub dir kein einziges Wort. Er war ganz der alte McCain, der verbale Raufbold, dessen Lieblingswort "kämpfen" heißt. Ganz anders Obama: kühl, beherrscht, ein Analytiker, der oft klang wie der Rechtsprofessor, der er einst war.

"Er war so cool, dass nach neunzig Minuten im gleißenden Scheinwerferlicht nicht mal ein Eiswürfel auf seiner Stirn geschmolzen wäre" , kommentierte Roger Simon vom Magazin Politico. Und fügte hinzu: "McCain brauchte ein Wunder. Er hat es nicht bekommen." Michael Beschloss, ein auf die US-Präsidenten spezialisierter Historiker, sah ein Unentschieden, von dem Obama mehr profitierte.

Deutlich wurde allerdings auch, wie gründlich alle zwei Bewerber von der Finanzkrise überrollt werden. Vor ihrem Streitgespräch war der Aktienindex Dow Jones um 733Punkte abgestürzt, ein Beinahe-Rekord. An Konzepten dagegen hatten beide nur wenig zu bieten. Obama wiederholte sein altes Leitmotiv, wonach ein Präsident McCain die verheerende Wirtschaftspolitik George W. Bushs fortsetzen würde. Bemüht um größtmögliche Distanz zu seinem Parteifreund im Oval Office, konterte McCain wütend: "Senator Obama, ich bin nicht Präsident Bush. Wenn Sie gegen Bush antreten wollen, dann hätten Sie vor vier Jahren antreten müssen." (Frank Herrmann aus Washington/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2008)

 

Tipp

Ab 16.10, 14.00 Uhr ist das TV-Duell auf ARTE/TV in deutscher Übersetzung abrufbar.

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  • Wo geht's lang? Rechts statt links: McCain wählte vor dem Händeschütteln mit dem Moderator am Ende der Übertragung die falsche Richtung. 

    Wo geht's lang? Rechts statt links: McCain wählte vor dem Händeschütteln mit dem Moderator am Ende der Übertragung die falsche Richtung. 

  • Obama und McCain warfen sich während der letzten TV-Debatte vor den Wahlen gegenseitig eine falsche Wirtschafts-, Bildungs- und Steuerpolitik vor. 

    Obama und McCain warfen sich während der letzten TV-Debatte vor den Wahlen gegenseitig eine falsche Wirtschafts-, Bildungs- und Steuerpolitik vor. 

  • McCain ging mit
der Hoffnung auf einen Umschwung der öffentlichen Meinung in das TV-Duell. Umfragen sehen jedoch den Demokraten als Sieger der Debatte im Fernsehen.

    McCain ging mit der Hoffnung auf einen Umschwung der öffentlichen Meinung in das TV-Duell. Umfragen sehen jedoch den Demokraten als Sieger der Debatte im Fernsehen.

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