"Besuch der alten Dame": Alte Kälte, aufgewärmt

14. Oktober 2008, 19:10
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Die TV-Produktion zum 70. Geburtstag Hörbigers blieb vor der Neigung zur Romanze und vom Zwang zum Happyend bewahrt

Die Kälte stand ihr gut. Christiane Hörbiger beharrte Montagabend in ARD und ORF auf ihrer Rache, machte die Gier zum Verbündeten, um die Heuchler und Biedermänner gegeneinander auszuspielen und ihren einstigen Geliebten töten zu lassen. Als in Jugendtagen entehrte Klara kehrt sie zurück, um Unmengen Geld für den Tod ihres einstigen Geliebten und Peinigers zu bieten. Und um den Ort, der sie zur Hure machte, zum Bordell zu machen, wie sie originalgetreuerweise formulieren durfte.

Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" gewährte den Schutz des klassischen Stoffes. Die TV-Produktion zum 70. Geburtstag Hörbigers blieb vor der Neigung zur Romanze in schöner Landschaft, vom Zwang zum Happyend bewahrt.

Natürlich wurden Zugeständnisse ans Hauptabendpublikum gemacht. Der Panter, der dem todgeweihten Alfred Ill (sehr gut: Michael Mendl) vorausgeht, die blinden Kastraten, der Sarg, der bereitsteht, blieben ausgespart und minderten die "tragische Komödie", die Dürrenmatt meinte. Das Stereotyp der reichen Businessfrau, die per Handy 100 Millionen nach Japan pumpt, bescherte sogar peinliche Momente.

Trotzdem: Die relativ schnörkellose, theaterhafte Inszenierung, die Ill und Klara zwischen den allmählich der Gier erliegenden Heuchlern ringen ließ, vereinte alte Vorlage und gegenwärtige TV- Erfordernisse in akzeptabler Mischung - was auch das Publikum goutierte: 928.000 sahen in Österreich zu. (pum/DER STANDARD; Printausgabe, 15.10.2008)

  • Hörbiger als "alte Dame".
    foto: orf

    Hörbiger als "alte Dame".

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