Das globale Klagelied

14. Oktober 2008, 19:06
posten

Djivan Gasparyan, armenische Musiklegende, eröffnet heute in der Sargfabrik das Festival Salam.Orient:. Ein Gespräch über einen spendablen Josef Stalin und die armenisch-türkische Annäherung

Wien - Nicht alles, was nach Klischee riecht, muss auch ein solches sein. Ob denn auch für Djivan Gasparyan im elegischen Klang der Duduk die wechselvolle Geschichte der Armenier mitschwinge, wie dies dem westlichen Publikum so oft suggeriert wird? Gasparyan verzieht keine Miene: "Ich denke, dass das so ist. Wir haben viel gelitten. Ich spiele Klagelieder, Liebeslieder, Lieder von Menschen, die ihr Land verlassen mussten, Familie und Heimat verloren haben, all das. Es gibt aber auch fröhliche Lieder." Zudem sei die Duduk, das aus Aprikosenholz gefertigte Oboeninstrument, genuin armenischen Ursprungs, so Gasparyan.

Der rüstige 80-Jährige stellt für Fragen wie diese wohl die bestmögliche Quelle dar - genießt er doch in seiner Heimat den Status einer Ikone: als derjenige, der die Duduk, die in der Vergangenheit üblicherweise im Ensemble gespielt wurde, als Soloinstrument etablierte. Und als jener, der ihren schwermütigen, milden Klang durch Kooperationen mit Sting, Brian May bis hin zu den Wiener Philharmonikern popularisiert und auch neue Dimensionen erschlossen hat.

Die Anfänge Gasparyans, der aus einem kleinen Dorf nahe Erewan stammt, haben mit einem Medium zu tun, das für ihn auch heute eine wichtige Rolle spielt: Film. "Ich habe die Duduk durch Stummfilme entdeckt. Es saßen in Armenien immer drei Dudukspieler vor der Leinwand - statt des Klavierspielers. Das hat mich fasziniert", so Gasparyan, der nach eigenen Angaben als Siebenjähriger Margar Margarian, den Duduk-Spieler seiner Zeit, mit seinem Spiel zu Tränen gerührt hat. Filmmusik ist für Gasparyan heute erneut ein wichtiges Arbeitsfeld: Seine Beiträge zu den Soundtracks von Die letzte Versuchung Christi, Dead Man Walking oder Gladiator haben dem Klang der Duduk zu hoher Popularität verholfen.

Er sehe sich die Filme genau an und spiele dann jene Musik, die die Bilder in ihm auslösen, so Gasparyan. Wobei er selbst zugibt, dass er durch seine Praxis, die einem Stück zugrundeliegende Melodie frei und spontan fortzuspinnen, seine Mitmusiker ins Schwitzen bringen kann. "Manche, die mit mir zusammen spielen, wissen, jetzt sind es noch drei Takte, dann ist Djivan weg. Entweder wir können ihm folgen oder nicht. Ich brauche das. Ich habe mit Hans Zimmer die Musik zu Gladiator aufgenommen, mein Lied hatte eine Schlüsselposition. Zimmer hat verstanden, dass er mich nicht irgendwo reinpferchen kann, sondern dass ich mich frei bewegen können muss. Also sagte er: 'Spiel du das Lied, und ich baue den Rest des Soundtracks um dich herum!'"

Als Brian Eno Gasparyan Mitte der 80er-Jahre zu Konzerten nach London einlud und so seine Westkarriere ins Rollen brachte, war der Duduk-Meister in der Sowjetunion längst ein Star - der sich auch bei politischen Granden hoher Wertschätzung erfreute. Bis in die Spitzen der KPdSU. "Ich habe oft für Chruschtschow und Breschnew gespielt, besonders im Gedächtnis ist mir aber eine Begegnung mit Stalin geblieben. Das war 1947. Ich reiste in einem Ensemble von Erewan nach Moskau. Nach unserer Aufführung wollte Stalin, dass ich ein Solo nur für ihn spiele. Ich habe innerlich vor Angst gezittert, weil ich mir gedacht habe: Wenn ich jetzt etwas Falsches spiele, dann gnade mir Gott! Das war die Zeit, als man wusste, wenn Stalin etwas nicht gefiel, wurdest du verbannt auf Nimmerwiedersehen. Erst als mir danach ein Offizier eine russische Uhr als Geschenk übergab, wusste ich, dass ich meine Sache gut gemacht hatte."

Für Politiker spielt er heute noch: Im Juni eröffnete er mit seinem Enkel Djivan Gasparyan junior die Feier zu Nelson Mandelas 90. Geburtstag. Im September spielte er in Erewan, als sich der armenische Präsident Sersch Sarkissjan und sein türkischer Amtskollegen Abdullah Gül anlässlich eines Fußballspiels trafen. "Ich begrüße diese Annäherung", so Gasparyan zum seit dem türkischen Genozid an den Armeniern 1915 belasteten Verhältnis beider Länder. "Es gibt keine schlechten Nationen, es gibt nur schlechte Personen." (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 10. 2008)

Bis 8. 11. Salam.Orient, Info: 0664/125 30 91

  • "Instrumentalsänger" Djivan Gasparyan über die
türkisch-armenische Annäherung: "Ich sage immer, es gibt keine
schlechten Nationen, es gibt nur schlechte Personen."
    foto: urban

    "Instrumentalsänger" Djivan Gasparyan über die türkisch-armenische Annäherung: "Ich sage immer, es gibt keine schlechten Nationen, es gibt nur schlechte Personen."

Share if you care.